Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/183
Titel: Evaluation des negativen Retrospektionseffektes : Untersuchungen mit MONITOR
Autor(en): Fahrenberg, Jochen
Bolkenius, Kristina
Maier, Sebastian
Schmidt, Miriam
Foerster, Friedrich
Hüttner, Paul
Käppler, Christoph
Leonhart, Rainer
Erscheinungsdatum: 2002
Serie/Report Nr.: Forschungsberichte des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau;156
Zusammenfassung: Durch die computer-unterstützte Datenerhebung können viele Themen besser untersucht werden als bisher. Die Selbstberichte über Befinden, Beschwerden, Testergebnisse u. a. Daten können mit handheld PC technisch und zeitlich zuverlässiger sowie mit höherer "ökologischer Validität" unter alltagsnahen Bedingungen" erfasst werden als mit den üblichen Fragebogen. Diese Vorzüge haben der neuen Methodik verschiedene Anwendungsgebiete erschlossen. Dieser Forschungsbericht gibt eine Übersicht über eine Untersuchungsserie mit dem in Freiburg entwickelten Programm MONITOR für hand-held PC Psion Serie 3. Diese Untersuchungen hatten außer ihren speziellen Aufgaben auch eine gemeinsame Fragestellung, die von praktischem und theo-retischem Interesse ist: In wie weit stimmen der am Abend gegebene Rückblick auf den vergangenen Tag mit den aktuellen, über den Tag verteilten Selbstberichten überein? Gibt es systematische Erinnerungstäuschungen? Ein negativer Retrospektionseffekt zeigt sich, wenn der Tageslauf und das eigene Befinden im Rückblick auf den Tag oder die Woche negativer bewertet werden, als es aus den aktuellen Einstufun-gen während des Tages zu erwarten war. Dieser Sachverhalt wurde in sechs Untersuchungen hinsicht-lich mehrerer Items, vor allem jener mit "negativem" Inhalt, festgestellt. Auf den verwendeten siebenstufigen Adjektivskalen haben negative Items (z. B. "bedrückt") relativ niedrige Mittelwerte und positive Items (z. B. "körperlich wohl") relativ hohe Mittelwerte. Die abends oder am nächsten Morgen bzw. nach einer Woche gegebenen rückblickenden Einstufungen lagen näher zur Skalenmitte. Es handelt sich um einen robusten Befund mit mittlerer bis großer Effektstärke. Deshalb liegt die Annahme nahe, dass es sich — zumindest teilweise — um ein psychometrisches Artefakt oder eine triviale Urteilsheuristik handeln könnte. Die verschiedenen, einander nicht ausschliessenden Erklärungshypothesen sind: (1) Die Tendenz, Vergangenes negativer zu bewerten als es aktuell erlebt wurde, ist ein bekanntes Phänomen. In Anamnesen wird u. U. von Aggravation oder Klagsamkeit gesprochen, wenn ein Patient zur negativen Überbetonung und Akzentuierung von Ereignissen oder Beschwerden neigt - vielleicht um Aufmerksamkeit zu gewinnen oder aus anderen Gründen. (2) Ein negativer Retrospektionseffekt ergibt sich bei der verwendeten Skalierungsweise dann, wenn der Skalenwert des Rückblicks größer als der Mittelwert der aktuellen Einstufungen des Tages ist. Falls die Tages-Mittelwerte, wie es durchweg der Fall ist, am oberen oder unteren Ende der Skala liegen, wird eine weiter in der Mitte liegende retrospektive Einstufung zu diesem negativen Retrospektionseffekt führen. Da die Verteilungen der Itemwerte in der Regel nicht symmetrisch um die Skalen-mitte 4, sondern links- oder rechtsschief sind, lässt der negative Retrospektionseffekt eine Verschie-bung zur Skalenmitte hin erwarten: bei positiv formulieren Items (z. B. "aktiv" Stufe 7 völlig zutreffend) eine Abnahme zur Skalenmitte hin, bei negativ formulierten Items (z. B. "bedrückt" gar nicht zutreffend) eine Zunahme zur Skalenmitte hin. Eine Tendenz zur Mitte kann jedoch aus verschiedenen Gründen zustande kommen: (a) Eine statistische Regression zur Mitte ist durch Messfehler bedingt. Diese führen dazu, dass der Wert einer zweiten Messung zum Mittelwert (Dichtezentrum) der Verteilung tendiert. (b) Beim Rückblick steht grundsätzlich der gesamte Range der Skala von 1 bis 7 zur Verfügung. Unter der Annahme, dass sich die rückblickende Einstufung wahrscheinlich mehr oder minder an einem gedachten Tagesdurchschnitt orientiert, könnte es zu einer Varianzeinengung des Rückblicks im Ver-gleich zum Tages-Mittelwert, d. h. einer Restriktion des Bereichs, kommen (bei einem gedachten Tages-Mittelwert 2, würde der Rückblick nicht unter das Skalenende bei 1 gehen können. (c) Die Selbsteinstufung des Befindens auf einer Skala ist, wenn diese Aufgabe gründlich aufgefasst wird, mit semantischen Schwierigkeiten und mit der Wahl eines Bezugssystemen verbunden. In dieser Situation der Unsicherheit könnte eine Urteilsheuristik eingesetzt werden, die mittlere, d. h. unentschiedene Skalenstufe "mittelmäßig" zu bevorzugen. (3) Zwischen der rückblickenden Einstufung am Abend und den vorausgegangenen Einstufungen kann eine Ausgangswert-Abhängigkeit (ähnlich dem Ausgangswertproblem bei physiologischen Messwiederholungen) bestehen (siehe unten). Neben diesen psychometrischen und kognitionspsychologischen Erklärungshypothesen steht (4) eine persönlichkeitspsychologische Interpretationen. Es scheint ein Zusammenhang zwischen dem Betrag des Retrospektionseffektes und bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zu bestehen, insbesondere der Skala Emotionalität (FPI-R). In diesem Ergebnis stimmten zwei Untersuchungen überein: Emotional labile, selbstunsichere, sich stark beansprucht fühlende Personen tendieren dazu, Tageser-eignisse und Befinden im Rückblick negativer zu bewerten als andere Personen. Dieser Zusammenhang ist über die gegenwärtige Fragestellung hinaus als ein Validierungshinweis für die FPI-R-Skalen im Hinblick auf wiederholte Selbstberichte unter Alltagsbedingungen interessant. Die Korrelation war jedoch nicht konsistent bei allen Items vorhanden und konnte in einer dritten Untersuchung nur tendenziell repliziert werden. Personen mit hoher Ausprägung der Emotionalität haben bekanntlich die Tendenz, über viele körperliche Beschwerden zu klagen, geringe Lebenszufriedenheit zu äußern und ein negatives Krank-heitsverhalten zu entwickeln. Dies wurde bevölkerungsrepräsentativ (siehe Fahrenberg, 1994b; Fahrenberg et al., 2001a) und in großen klinischen Studien (Myrtek, 1998) belegt. Sollte es sich beim negativen Retrospektionseffekt aber nicht nur um einen psychometrischen, sondern um einen "psychologischen" Effekt handeln, wäre dies zweifellos wichtig für jede psychologisch-diagnostische Untersuchung, die sich auf Selbstberichte in Fragebogen und Interviews stützt. In einer Übersicht wurde eine Serie von bisher sechs Untersuchungen zu diesem Thema referiert und verschiedene Voraussetzungen und methodische Aspekte diskutiert. Dazu gehören u. a. der Nachweis einer ausreichenden Variabilität (intra- und inter-individuell), die Exploration der statistischen Verteilungsformen der Itemwerte, Unterschiede zwischen "positiv" und "negativ" formulierten Adjektivskalen, die Generalisierbarkeit über verschiedene Untersuchungsgruppen, die Akzeptanz der Methodik und die methodenbedingte Reaktivität. Die Untersuchungsserie regte außerdem zur Weiterentwicklung des Itempools und der Ablaufssteuerung für MONITOR an. Die verschiedenen Erklärungshypothesen und Untersuchungsergebnisse legten eine weitere Untersuchung nahe, insbesondere im Hinblick auf die vermutete Urteilsheuristik. Ist diese Tendenz zur Mitte weniger ausprägt, wenn (1) der Rückblick nur für halbe Tage statt für den ganzen Tag verlangt wird, (2) die aktuellen Einstufungen mit relativ großer Sicherheit gegeben werden und (3) eine bessere Differenzierung durch ein vorgeschaltetes Skalierungstraining erreicht wird? Ist die Tendenz Zur Mitte stärker, wenn (4) Unsicherheit provoziert wird, indem eine prospektive Einstufung für den folgenden Tag erbeten wird. Die neue Untersuchung mit 64 Studierenden (52 Frauen, 12 Männer) umfasste vier Termine am ersten und sechs Termine am zweiten Erhebungstag. Jede Abfrage beinhaltete drei Fragen zum Setting, eine Aufforderung, besondere Ereignisse durch Texteingabe zu protokollieren, sowie acht Adjektivskalen zum Befinden. Hier wurden visuelle Analogskalen mit einer für die Einstufer nicht sichtbaren 21 stufigen Auflösung verwendet. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt die Fragen zur retrospektiven Einstu-fung um 13 und 21 Uhr, die andere Hälfte nur abends für den gesamten Tag. Außerdem gab es abends sowohl eine Frage zur relativen Sicherheit der Einstufungen als auch eine prospektive Frage zum Befinden am nächsten Tag. Die aktuellen und die retrospektiven Einstufungen wurden mit computer-unterstützter Methodik, d. h. dem Programm MONITOR für hand-held PC PSION Serie 3, unter Alltagsbedingungen gewonnen. Vor dem ambulanten Monitoring erhielt die Hälfte der Teilnehmer ein kurzes Skalierungstraining. Der negative Retrospektionseffekt konnte bei vier von acht Items repliziert werden: bei den negativ gepolten Items ("anstrengend, belastend"; "aufgeregt, nervös"; "ärgerlich, gereizt"; "bedrückt"). Eine zwei-faktorielle Varianzanalyse ergab keine Mittelwertunterschiede der aktuellen und der retrospekti-ven Einstufungen zwischen den Gruppen mit "Skalierungstraining" bzw. mit "Retrospektion in Tagesabschnitten". Der beobachtete negative Retrospektionseffekt war unabhängig von der subjektiven Unsicherheit der Selbsteinstufungen und war bei der naturgemäß besonders unsicheren Vorhersage für den nächsten Tag nicht stärker ausgeprägt. Diese negativen Ergebnisse sprechen insgesamt gegen die Annahme von Urteilstendenzen bzw. einer Urteilsheuristik als hinreichender Erklärung der Tendenz zur Mitte. Als Ergebnis der Serie von Untersuchungen kann immerhin der Geltungsbereich des negativen Retrospektionseffektes eingeschränkt werden. Es handelt sich zwar um einen robusten Effekt, aber er tritt vorwiegend bei bestimmten Adjektivskalen auf: es sind Items mit negativem Inhalt und unter diesen vor allem die Items "anstrengend, belastend", "bedrückt" und "Erlebten Sie seit der letzten Eingabe Stress?" Vielleicht regen gerade diese Iteminhalte an, zustimmende Antworten zu geben. Die Wochenstudie zeigte jedoch, dass die Stabilität (Reproduzierbarkeit) des negativen Retrospektionseffektes über die Tage bemerkenswert gering ist. Dies spricht gegen die Annahme einer persönlichkeitsabhängigen habituellen Urteilstendenz. In der Wochenstudie zeigte sich die Beziehung des negativen Retrospektionseffektes mit dem Konstrukt "Emotionalität" nur am ersten Tag. Die persönlichkeitspsychologische Hypothese müsste folglich modifiziert werden. Zusammenfassend werden die konkurrierenden Erklärungen des negativen Retrospsektionseffektes diskutiert und mögliche Fragestellungen weiterführender Studien skizziert. Der vorliegende Forschungsbericht konzentrierte sich auf die Evaluation des negativen Retrospek-tionseffektes (mit Reanalysen zu bestimmten Fragen) und auf die Dokumentation dieser Untersuchungsserie. Jede der sechs Untersuchungen hatte noch eine Anzahl anderer Fragestellungen. Die meisten dieser Ergebnisse wurden bereits veröffentlicht. Hier werden jedoch außer einer Zusammen-fassung zahlreiche Tabellen für Vergleichszwecke und ggf. Reanalysen mitgeteilt.
A series of monitoring (ambulatory assessment) studies was reviewed. All used MONITOR, that is a computer-assisted methodology for Psion hand-held PC Series 3. This methodology is especially suited to assessing daily moods, daily hazzles, physical complaints etc., under naturalistic conditions. Although the individual studies were related to a number of different issues, they had in common the evaluation of the negative retrospection effect in self-report data. A retrospection-effect (retrospection bias, recall error) is present when the evaluation of the previous day, that was obtained in the evening, differs from the actual self-ratings. Consistently a negative retrospection effect of average to high effect size was found, that is, in the evening, participants rated the day more strenuous and annoying, and their mood more depressed, tired, nervous etc., than could be expected on the basis of their average actual ratings recorded during the day. Based on the previous investigations a new study was designed to investigate certain issues that seemed to be involved, for example, regression to the mean, restriction of range, initial values dependencies, and heuristic strategies in judgement — being confronted with uncertainty. Furthermore, differ-ent intervals of retrospection, a premonitoring training, and a prospective rating were used to investigate possible influences of various degrees of uncertainty in self-reporting. Findings in 64 student subjects indicated the presence of a negative retrospection effect in four "negative" adjective scales in contrast to "positive" items which showed no such bias. A number of hypotheses pertaining to various aspects of the process of responding and judgement were investigated. The findings did not suggest any sufficient psychometric explanation or interpretation based on cognitive aspects. The negative retrospection effect appears to be a continuing challenge to method studies. This research report is provided as a summary of previous and recent findings and, thus, includes a number of tables, which may be helpful for further research and meta-anlysis.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/183
Enthalten in den Sammlungen:Forschungsberichte des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
PsyDok

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