Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/190
Titel: Inhaltseffekte beim propositionalen Schließen : wie interagiert konzeptuelles Wissen mit syntaktischer Struktur?
Autor(en): Beller, Sieghard
Spada, Hans
Erscheinungsdatum: 1999
Serie/Report Nr.: Forschungsberichte des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau;138
Zusammenfassung: In Untersuchungen zum deduktiven Denken werden Personen typischerweise logische Argumente in sprachlicher Form vorgegeben, die nach einer Konklusion aus gegebenen Prämissen fragen. Ihre Antworten werden mit der Lösung gemäß einer formal-logischen Analyse der syntaktischen Form des Arguments verglichen. Abweichungen gelten meist als "Fehler' oder "Biases'. In einer Fülle experimenteller Studien sind eine Vielzahl systematischer "Fehler' bereits bei einfachsten Inferenzaufgaben dokumentiert. Aktuell werden vor allem Phänomene der Wirkung des Inhalts des Aufgabenmaterials kontrovers diskutiert ("Inhaltseffekte'). Je nach Inhalt scheinen korrekte Inferenzen nicht nur erleichtert, sondern vor allem auch systematisch verhindert werden zu können. Nach unserem wissensbasierten Erklärungsansatz, dem dual source Prinzip, und ersten eigenen Befunden (Beller, 1997; Beller & Spada, 1998; Beller & Spada, submitted) lassen sich Inhaltseffekte oft dadurch erklären, daß man zusätzlich zur "syntaktischen Form' der Prämissen konzeptuelles Wissen über den Bereich in Rechnung stellt, auf den die Prämissen inhaltlich Bezug nehmen. Übergeordnetes Ziel des Forschungsvorhabens ist, das dual source Prinzip durch zusätzliche empirische Befunde zu untermauern und zugleich einen Beitrag zu bisher vernachlässigten Fragen des Verhältnisses von Wissen und Denken zu leisten. Schlußfolgern auf der Grundlage der syntaktischen Form erfordert nach den aktuellen Theorien deduktiven Denkens die Konstruktion einer mentalen Repräsentation für die mit den Prämissen beschriebenen Zusammenhänge aus der Form der Prämissen, sei es durch Aufbau eines mentalen Modells oder eines Regelbeweises. Mit dem dual source Ansatz wird angenommen, daß für konzeptuelles Wissen eine Repräsentation der Zusammenhänge bereits vorliegt. Sie kann direkt für Schlußfolgerungen genutzt werden. Deshalb sollten Inferenzen aus dem konzeptuellen Wissen vergleichsweise einfach sein und zumeist formal korrekt gezogen werden. Biases hingegen würden vor allem aus der Interpretation der syntaktischen Form eines Arguments resultieren. Nach dem dual source Ansatz ist ein Erleichterungseffekt zu beobachten, wenn die korrekte Konklusion aus der Form eines Arguments mit der Konklusion aus dem konzeptuellen Wissen zusammenfällt. Entsprechend wird ein Verhinderungseffekt erwartet, wenn Form und Wissen unterschiedliche Konklusionen nahelegen. Wird gemäß der konzeptuellen Inferenz geantwortet, erscheint logisches Denken auf der Basis der Form unterdrückt. Wann jedoch das konzeptuelle Wissen für eine Konklusion genutzt wird und wann die syntaktische Form, ist noch nicht geklärt. Einer ersten eigenen Hypothese zufolge ist ein Faktor, der dafür mit ausschlaggebend ist, die Determiniertheit von Inferenzen, das heißt, ob definitiv auf eine Proposition geschlossen werden kann und ihr Gegenteil ausgeschlossen ist. Dies würde bedeuten, daß Personen beides, Form und Inhalt, berücksichtigen. Bei Inferenzaufgaben, bei denen Form und Inhalt auseinander fallen, scheinen nur wenige Personen zu bemerken, daß dabei ein Konflikt besteht. Ob sie dafür sensibel sind, konnte bisher allerdings nicht richtig festgestellt werden, da mit der Beantwortung der Aufgabe der Konflikt in die eine oder die andere Richtung aufgelöst ist. Durch Erfragen von Begründungen auf geeignete Hinweise hin sollte sich die Sensibilität für die Form-Inhalts-Unterscheidung aber prüfen lassen. Mit dem dual source Ansatz wird angenommen, daß Personen "Experten' für Inferenzen aus ihrem konzeptuellen Wissen sind. Eine Insensibilität für die Form-Inhalts-Unterscheidung müßte deshalb auf den Umgang mit der syntaktischen Form zurückgehen. Durch ein Training im formalen Schlußfolgern, sollte sich die Kompetenz zur korrekten Form-Inhalts-Unterscheidung steigern lassen. Umgekehrt kann das konzeptuelle Wissen genutzt werden, um den Umgang mit der Form von Argumenten zu trainieren. Die mit dem dual source Ansatz getroffene theoretische Unterscheidung zweier Perspektiven auf sprachliche Argumente — Form und konzeptuelles Wissen — legt also die Untersuchung von vier weiterführenden Fragestellungen nahe: ? Frage 1: Sind Inferenzen auf der Basis konzeptuellen Wissens leichter in dem Sinn, daß systematische Fehler reduziert sind? Bestimmt in Inferenzaufgaben, bei denen beide Inferenzquellen zu unterschiedlichen Konklusionen führen, neben der Verfügbarkeit vonWissen der Faktor Determiniertheit mit, wann konzeptuelles Wissen und wann die syntaktische Form zum Tragen kommt? ? Frage 2: Sind Personen bei sprachlichen Argumenten für die Form-Inhalts- Unterscheidung sensibel? ? Frage 3: Läßt sich die Kompetenz zur korrekten Form-Inhalts-Unterscheidung durch ein Training im Schlußfolgern auf der Grundlage der Form stärken? ? Frage 4: Läßt sich Schlußfolgern auf der Basis der Form durch ein Training verbessern, das auf der Kompetenz für Inferenzen aus dem konzeptuellen Wissen aufbaut? Die Fragestellungen sollen empirisch am Beispiel des konditionalen Schließens mit Negationen untersucht werden. Konditionales Schließen ist einfach genug, um Bedingungen des Einflusses von Wissen auf Inferenzen und die Sensibilität/Kompetenz für die Form-Inhalts-Unterscheidung zu prüfen. Dennoch sind solche Aufgaben für viele Personen nicht trivial, was sich an systematischen Biases bei abstrakten Aufgaben und Inhaltseffekten zeigt. Diese sollten sich durch ein entsprechendes Training aber reduzieren lassen. Im folgenden Abschnitt wird der Stand der Forschung zur Logik des konditionalen Schließens dargestellt. Weil sich die Fragestellungen auf die Unterscheidung zwischen der Form von Argumenten und konzeptuellem Wissen beziehen, werden beide Aspekte behandelt. Zunächst werden Befunde mit abstrakten Aufgaben referiert, bei denen sich Schlußfolgern auf der Basis der Form manifestiert, danach Inhaltseffekte. Der dual source Ansatz wird im Abschnitt zu den eigenen Vorarbeiten ausgeführt, zusammen mit den bisher erhobenen eigenen Befunden. Aus dem Stand der Forschung und dem dual source Ansatz werden schließlich die Fragestellungen für das Arbeitsprogramm abgeleitet.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/190
Enthalten in den Sammlungen:Forschungsberichte des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
PsyDok

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