Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/224
Titel: Was macht Minderheitenmeinungen attraktiv?
Sonstige Titel: What makes minorities attractive : the case of deindividuation
Autor(en): Imhoff, Roland
Erscheinungsdatum: 2005
Zusammenfassung: In der Geschichte der Menschheit waren es oft Minderheiten, die Neuerungen und Fortschritt brachten. Viele heute ganz "normale" Ansichten und Werte wurden zuerst nur von einer kleinen Gruppe von Pionieren vertreten — gegen die damals herrschende Mehrheitsmeinung. Seit Moscovicis (1969) bahnbrechenden Experimenten zum Einfluss von Minderheiten, beschäftigt sich auch die experimentelle Psychologie mit der Frage, unter welchen Bedingungen Minderheiten Einfluss ausüben. Moscovici (1980) ging davon aus, dass Minderheitenstatus per se negativ bewertet wird, und dass eine Minderheit negative Merkmale kompensieren müsse, um Einfluss zu nehmen. "What the minority does is bad, because there are few who do it." (Moscovici, 1980, S. 210) wurde zur impliziten Annahme auch derjenigen Modelle, die in der Nachfolgezeit versuchten, Minderheiteneinfluss zu erklären. Es wurden jeweils Variablen gesucht, die es einer Minderheit erlaubten trotz ihres Status als Minderheit erfolgreich Einfluss zu nehmen (z.B. Maass & Clark 1984). Dem entgegen steht die Annahme, die auch dieser Arbeit zugrunde liegt und besagt, dass der niedrige Konsensus einer Minderheit nicht per se negativ ist. Niedriger Konsensus kann unter bestimmten Umständen auch positiv sein bzw. es gibt Situationen, in denen es ein positives Merkmal ist, Teil einer Minderheit zu sein. Erb, Bohner und Hilton (submitted) fanden z.B., dass es in Situationen, die risikoreiches Verhalten nahe legen, wahrscheinlicher wird, eine Minderheitenmeinung zu übernehmen. Auf der Suche nach weiteren Bedingungen, die es attraktiv machen können, sich einer Minderheitenmeinung anzuschließen, findet man Hinweise in Arbeiten zur Optimalen Sozialen Distinktheit von Brewer (1991). Sie geht davon aus, dass es ein Kontinuum gibt, auf dem Menschen sich in ihrer Selbstwahrnehmung einordnen zwischen den Extremen "Ich bin genau so, wie alle anderen." und "Ich bin ganz anders als alle anderen." Die Theorie der optimalen sozialen Distinktheit besagt nun, dass keine dieser beiden extremen Ausprägungen als angenehm empfunden wird, sondern vielmehr eine mittlere Distinktheit ideal ist ("being the same and different at the same time"; Brewer, 1991, S. 475). Die Theorie sagt zudem voraus, dass eine Abweichung in eine der beiden Richtungen dazu führt, dass das Individuum kompensatorische Gegenmaßnahmen ergreift. Fühlt ein Mensch sich zu sehr als Teil einer "großen grauen Masse", sucht er nach Selbstbetrachtungen oder Verhaltensweisen, die es ihm erlauben, sich wieder als individuell oder einzigartig wahrzunehmen. Ähnliche Vorhersagen lassen sich auch aufgrund der Uniqueness-Theorie von Snyder und Fromkin (1980) treffen. Auch diese Autoren gehen von einem Bedürfnis nach Einzigartigkeit aus, das depriviert sein kann durch "Deindividuierung", also dem Gefühl, nicht mehr als einzigartiges Individuum wahrnehmbar zu sein. Auch diese Theorie prognostiziert ein Bedürfnis, diese Deindividuierung zu überwinden und sich wieder als (gemäßigt) einzigartig wahrzunehmen Dieses Bedürfnis, so meine Annahme, kann zu der Übernahme von Minderheitenpositionen führen. Entgegen Moscovicis Annahme, dass die geringe Prävalenz von Minderheitenmeinungen ein negatives Merkmal ist, wird sie hier attraktiv. Auf der Suche nach Bedingungen, die Einstellungen, die nur von wenigen vertreten werden (niedriger Konsensus) attraktiv erscheinen lassen, beschäftige ich mich mit Deindividuierung. Um die Hypothese zu testen, dass eine deindividuierende Situation es wahrscheinlicher macht, die Position einer Minderheit zu übernehmen, wurde ein Experiment nach folgendem Design durchgeführt: Phase 1: Deindividuierung vs. Kontrollgruppe Die Versuchspersonen füllten einen Fragebogen per Computer aus, der scheinbar ihre Ausprägung auf verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen maß. Die Experimentalgruppe bekam vom Rechner eine (falsche) Rückmeldung, dass ihre Werte exakt dem Durchschnitt entsprechen und sie im "grauen Bereich" liegen, die Kontrollgruppe erhielt ein differenzierteres Muster. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die so zurückgemeldete geringe Distinktheit (Teil einer grauen Masse zu sein) zu einem affektiv negativen Zustand der Deindividuierung führt. Phase 2: Minderheiten- vs. Mehrheiteneinfluss Im Anschluss wurden alle Versuchspersonen gebeten an einer angeblich davon unabhängigen, aber aus organisatorischen Gründen gemeinsam durchgeführten Studie zu Textverständnis teilzunehmen. Diese wurde mit Papier und Bleistift unter der Aufsicht eines Versuchsleiters durchgeführt. Sie umfasste einen Text, der entweder die Position einer Minderheit oder Mehrheit darstellte, ansonsten aber identisch war. Nach ein paar Füllitems zur Aufrechterhaltung der Coverstory wurde der Einfluss dieser Information auf Einstellungsitems zu dem Thema gemessen. Weiterhin erhoben wurden Maße zur Einschätzung der Einflussgruppen, Angaben zur empfundenen Zugehörigkeit, und das dispositionelle Bedürfnis nach Einzigartigkeit. Das erwartete Ergebnis der 2x2-ANOVA war eine Interaktion von Konsensus mal Deindividuierung: In der Deindividuierungs-Bedingung sollte sich im Vergleich zur Kontrollgruppe ein stärkerer Minderheiteneinfluss zeigen. In der Kontrollgruppe wurde eine größere Zustimmung erwartet, wenn die Position als die einer Mehrheit vorgestellt worden war. Diese vorhergesagte Interaktion wurde tatsächlich gefunden, die erste Hypothese also bestätigt. Nachuntersuchungen ergeben jedoch, dass dies nicht zustande kommt über eine größere Bereitschaft in der Experimentalgruppe, der Minderheit zuzustimmen. Stattdessen wird die Mehrheitenmeinung abgewertet. Obwohl dies so nicht vorhergesagt war, lassen sich plausible Gründe für diesen Effekt ins Feld führen. Einige davon werden in der Arbeit diskutiert. Eine zweite Hypothese bezog sich auf den zugrundeliegenden Prozess. In der Kontrollgruppe, so wurde angenommen, sollten die Probanden die Information über hohen Konsensus nutzen, um den folgenden Text kognitiv verzerrt zu verarbeiten (?biased processing', Erb et al., 1998). Für die Experimentalgruppe wurde ein vermittelnder Einfluss der Selbstkategorisierung zu der Einflussgruppe vorhergesagt. Diese Hypothesen wurden mittels Mediationsanalysen überprüft. In der Kontrollgruppe zeigt sich der vorhergesagte Einfluss, jedoch nicht in der Experimentalgruppe. Der gefundene Effekt scheint also nicht über einen Prozess der Zuordnung zu einer Gruppe vermittelt zu sein. Andere Alternativen werden in der Arbeit diskutiert. Die Überprüfung eines Zusammenhanges mit dem dispositionellen Bedürfnis nach Einzigartigkeit, wie es von Snyder und Fromkin (1980) postuliert wird, ergibt keinen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen und dem Wert auf der Einzigartigkeitsskala.
In contrast to the hegemonial tradition in research on social influence the author seeks conditions under which minorities not only overcome the obstacles of being a minority to have an influence but where it is indeed more attractive to join the minority option. In the literature on social influence majorities are generally seen as more attractive and therefore more influential (e.g. Mackie, 1987). If minorities are influential they succeed despite their minority status which is negatively valued ("What the minority does is bad, because there are few who do it." (Moscovici, 1980, p. 210). Research on the need for uniqueness (e.g. Snyder & Fromkin, 1980) and the optimal distinctiveness theory (Brewer, 1991) points to possible conditions under which a numerically distinct option (a minority opinion) is actually more attractive than the option to "go along with the crowd'. If these needs are activated it becomes more attractive to take a more unique position, the minority option. To activate this need 60 participants were either deindividuated or not. Both groups received bogus feedback on a personality questionnaire. The experimental group (deindividuation) received the feedback that their personality structure was very common and the exact average of over 10.000 people. The control group received feedback about more differentiated personality structures. The predicted crossover interaction deindividuation by consensus (minority vs. majority) was experimentally confirmed. Under deindividuating conditions the participants agreed more with the minority than with the majority. The control group was more in favor of the majority option - an often found result. The meditating processes self categorization versus biased cognitive processing are discussed.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/224
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