Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/244
Titel: "Erwachsene Kinder von Alkoholikern" als Risikogruppe - Systematisierung des Forschungsstandes und Reflexion aus identitätstheoretischer Perspektive
Autor(en): Römer, Romana
Erscheinungsdatum: 1999
Zusammenfassung: Mitte der 1970er Jahre entdeckten klinische Therapeuten in den USA auffallende Ähnlichkeiten hinsichtlich der Ausprägung psychosozialer Störungen bei Personen, die mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil aufgewachsen sind. Weitere Beobachtungen führten schließlich seitens der Therapeuten zu der Auffassung, daß es sich bei diesem Personenkreis um eine "unterscheidbare Bevölkerungsgruppe mit speziellen Problemen' (Cermak, 1990, S. 4) handelt, die als "Erwachsene Kinder von Alkoholikern' (EKAs) bezeichnet wurde. In dieser Bestimmung werden Kindheitserfahrungen im Kontext von parentalem Alkoholismus in einen engen Zusammenhang zu psychosozialen Schwierigkeiten im Erwachsenenalter gesetzt. In den folgenden Jahren entwickelte sich ein wissenschaftlicher Diskurs über die Fundiertheit der klinischen Beobachtungen resp. deren chlußfolgerungen. Da viele von Alkoholismus in der Herkunftsfamilie betroffene Menschen sich mit der beschriebenen Problematik identifizierten und damit die klinischen Erkenntnisse unterstützten, entstand ein breiteres wissenschaftliches Interesse an dieser Klientel. In Ergänzung zu den unstandardisiert vorliegenden klinischen Beobachtungen wurden diese nun anhand statistischer Verfahren bzgl. ihrer grundsätzlichen Gültigkeit für alle EKAs überprüft. Die Diskussion ist bisher noch nicht beendet. Im Gegenteil stehen sich hier zwei Forschungsbereiche gegenüber, deren Erkenntnisse intern und in bezug aufeinander bisher wenig systematisiert wurden. Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht aufgrund dieser Situation darin, die klinischen Erkenntnisse einer fundierten Analyse zu unterziehen und auf die statistischen Forschungsergebnisse anzuwenden. Damit verbindet sich ein dreifaches Erkenntnisinteresse: Erstens interessiert mich, ob die von klinischen Therapeuten aufgestellte Bestimmung von EKAs als "unterscheidbare Bevölkerungsgruppe' bei genauer Prüfung aufrecht erhalten werden kann. Den Ausgangspunkt dieser Prüfung bildet meine Annahme, daß zwar bei EKAs eine erhöhte Gefährdung für die Ausbildung bestimmter Störungen vorliegt, jedoch weder ?Allgemeingültigkeit' innerhalb der Gruppe noch ?Einzigartigkeit' im Vergleich zu anderen Problemgruppen uneingeschränkt gültig sind. Daraus ergibt sich für mich die These, daß EKAs sinnvoll als ?Risikogruppe' beschrieben werden können. Diese These wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit geprüft. Zweitens versuche ich in dieser Arbeit, die vielfältigen Beobachtungen zu EKAs miteinander zu verbinden, um deren grundlegendes Moment herauszuarbeiten. Dies gelingt anhand einer Reflexion aus identitätstheoretischer Perspektive. Indizien für die Relevanz des Identitätsthemas, das in der EKA-Literatur zwar angesprochen, aber nicht grundlegend behandelt wird, motivieren mich dazu, hierauf die Basis der gesamten Arbeit zu gründen. Drittens ergibt sich aus der bereits genannten Vermutung, daß zwischen Alkoholismus im Elternhaus und bestimmten Problemen im Erwachsenenalter ein Zusammenhang besteht, die Frage, welchen Einfluß Alkoholismus auf die familiäre Situation und damit auf das Kind haben kann. Die Bearbeitung dieser Themen vollzieht sich anhand des folgenden Aufbaus der Arbeit: Kapitel 1 zielt darauf, Beobachtungen zu EKAs vorzustellen und einer statistischen Prüfung zu unterziehen. Um eine Vorstellung davon zu erlangen, weshalb klinische Autoren EKAs als "unterscheidbare Bevölkerungsgruppe mit speziellen Problemen' bezeichnen, werden deren Beobachtungen in Kapitel 1.1 ausführlich dargelegt. Kapitel 1.2 behandelt, vorwiegend anhand von Ergebnissen statistischer Testverfahren, die Frage, welcher Stellenwert der Bezeichnung von EKAs als 'unterscheidbare Bevölkerungsgruppe' eingeräumt werden kann. Die Prüfung der These, daß statt dessen der Begriff 'Risikogruppe' treffender das Verhältnis von Gefährdung, Vergleichbarkeit mit anderen Gruppen und Individualität beschreibt, systematisiert gleichzeitig den Forschungsstand. Da die gewonnenen Erkenntnisse zum ?EKA-Phänomens' auf eine identitätstheoretische Interpretation des Themas hinweisen, reflektiert Kapitel 2 das vorliegende Thema aus dieser Perspektive. Kapitel 2.1 führt zu diesem Zweck in ausgewählte sozialwissenschaftliche Identitätsmodelle ein. Die chronologisch und inhaltlich aufeinander aufbauenden Modelle von Mead, Krappmann und Haußer dienen als Grundlage der unter 2.2 und 2.3 folgenden Reflexion. Unter Bezugnahme auf Kapitel 1 und 2 wendet sich der Blickpunkt im folgenden von Analysen zur aktuellen Situation bei EKAs in die Retrospektive, also in Kindheit und Jugend. Eine Annäherung an den von Klinikern formulierten Zusammenhang zwischen Alkoholismus in der Herkunftsfamilie und psychosozialen Schwierigkeiten im Erwachsenenalter verfolgend, behandelt Kapitel 3 die Frage, wie sich Alkoholismus a) auf das abhängige Individuum und b) auf die Familie auswirkt. Kapitel 3.2 zielt dabei auf strukturelle Konsequenzen des Alkoholismus auf das familiäre Umfeld des Kindes. Nach der allgemeinen Bestimmung alkoholismusbelasteter Familien konzentriert sich Kapitel 4 auf Bedingungen der individuellen Identitätsentwicklung in diesem Kontext. Hier soll geprüft werden, ob potentiell pathogen wirkende Faktoren gefunden werden, die den genannten Rückschluß auf die EKA-Problematik zulassen. Die Analyse anhand kontinuierlicher und akuter Einflüsse orientiert sich an dem Werk Eriksons. Schließlich wird in Kapitel 4.4 die bisherige Fokussierung kritischer Bedingungen durch mögliche schützende Aspekte ergänzt. Kapitel 5 faßt die im Verlauf der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammen. Als Ausblick für die folgende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema "EKAs' verfolgt Kapitel 6 zwei Richtungen. Erstens wird die Frage aufgegriffen, welche Implikationen in bezug auf Interventionen für EKAs sich aus den Erkenntnissen dieser Arbeit ableiten lassen.. Zweitens wird, anknüpfend an den derzeitigen Stand der Forschung, ein Ausblick für explizite Identitätsforschung skizziert. Einen Blick auf die Ursache für das große, vorwiegend US-amerikanische, wissenschaftliche Interesses an der EKA-Thematik wird dem interessierten Leser im Anhang ermöglicht. Die Komplexität des vorliegenden Themas verwies mich bei der Bearbeitung an Grenzen in bezug auf den persönlichen Anspruch, der Individualität jedes Menschen gerecht zu werden. So können die hier dargelegten Interpretationen lediglich als eine Annäherung an die eigene Wahrheit des Einzelnen aufgefaßt werden.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/244
Enthalten in den Sammlungen:Kompetenzplattform Suchtforschung an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen
PsyDok

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