Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/268
Titel: Jesus und Ödipus - Zur Psychoanalyse der Religion
Autor(en): Vinnai, Gerhard
Erscheinungsdatum: 1999
Zusammenfassung: Jesus, die Gründungsfigur des Christentums, hat an Einfluß eingebüßt, während Ödipus, der im Zentrum der Freudschen Psychoanalyse steht, zur Bezugsfigur Vieler geworden ist, die sich in der nachchristlichen Moderne um ein angemessenes Verständnis der menschlichen Seele bemühen. Gerhard Vinnais Studie unternimmt den Versuch, ausgehend von der Psychoanalyse, die verstecke Verwandtschaft zwischen beiden Sinngestalten der westlichen Kultur aufzudecken. Das Buch entwickelt eine psychoanalytische Interpretation der christlichen Lehre, die darlegt, daß Leben, Tod und Auferstehung des christlichen Jesus als Chiffren des unbewußten Dramas zu entziffern sind, das Sigmund Freud unter dem Namen des antiken Ödipus thematisiert hat. Diese psychoanalytische Lesart der Lehre Jesu gestattet es, Tiefendimensionen unserer individuellen und kollektiven Geschichte zu artikulieren, die in der Religion selbst so nicht verhandelt werden können. Vinnai bedient sich dabei nicht nur der Instrumente Freudscher Religionskritik, vielmehr wendet er seine Befunde auch kritisch auf Freuds Werk an, um das in der Psychoanalyse selbst noch Verdrängte bewußt zu machen. Insofern darf sich Vinnais Darstellung auch als ein Beitrag zur konstruktiven Auseinandersetzung mit der Kulturtheorie Freuds verstehen. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil enthält eine psychoanalytische Interpretation der Jesusfigur und der mit ihr verknüpften Heilslehre. Der beginnende Abschnitt "Vom Anfang und Ende der (biblischen) Geschichte" nähert sich der Jesusfigur von den Rändern der biblischen Lehre her, indem er den Anfang und das Ende der Bibel psychoanalytisch interpretiert. Die Analyse der Vertreibung aus dem Paradies und die der Offenbarung des Johannes sollen den Raum umgrenzen, den die Jesusfigur, psychologisch gesehen, zu füllen hat. Der zweite Abschnitt des ersten Teils "Jesus und Ödipus" befaßt sich mit Tod und Auferstehung Jesu, um die die christliche Lehre zentriert ist. Er macht deutlich, wie Jesu Schicksal mit dem verwandt ist, was in der Psychoanalyse als das ödipale Drama erscheint. Hinter der Vater-Sohn-Beziehung, die im Mittelpunkt des biblischen Textes ebenso wie der Freudschen Religionskritik steht, werden zugleich Elemente der frühen Mutter-Kind-Beziehung ausgemacht, die die christliche Lehre auf verdeckte Art entscheidend beeinflussen. Der dritte Abschnitt dieses Teils "Die Liebesreligion als Religion der Gewalt" untersucht die biblische Lehre, die ihrem Anspruch nach Ausdruck einer Religion der Liebe ist, im Hinblick auf in ihr latent enthaltene Gewaltpotentiale. Er will die Frage klären helfen, welche Beziehung die christliche Liebesethik oder die christliche Einstellung zu Glaubenszweifeln zur Gewaltsamkeit der europäischen Geschichte haben. Der zweite Teil des Buches "Die Wiederkehr des von Freud Verdrängten in seiner Religionskritik" hat die Kritik der Freudschen Religionskritik zum Inhalt. Er macht deutlich, daß die Wunschlogiken und Verdrängungsprozesse, die Freud an der Religion ausgemacht hat, in anderer Gestalt auch sein wissenschaftliches Denken beeinflussen, das er der Religion entgegenstellt. Wie ein von Freud abgewehrtes Wünschen, wie das verdrängte Politische oder die Vermeidung der Kritik der naturwissenschaftlichen Rationalität in seiner Analyse der Religion auf eigentümliche Art zum Ausdruck kommen, soll aufgezeigt werden. Der dritte Teil des Buches "Das Andere im Innern" verweist auf die Notwendigkeit einer sich immer wieder erneuernden Konfrontation von Religion und Wissenschaft im Interesse des aufklärerischen Denkens. Er erläutert, wie die Beschäftigung mit Potentialen des Christentums dazu beitragen kann, Interpretationshorizonte des kritischen Denkens offenzuhalten oder zu erweitern. Die Auseinandersetzung mit dem Christentum kann sowohl das psychoanalytische Denken als auch das Nachdenken über gesellschaftliche Alternativen befruchten. Wer es respektlos, widersinnig oder gar obszön findet, daß das Heilige in diesem Buch nicht nur zu zerstörerischer Gewalt, sondern sogar zu den abstoßenden Geheimnissen des Sexuellen in Beziehung gebracht wird, sollte bedenken, daß die Psychoanalyse mit dem Christentum den Anspruch teilt, der Überwindung des Zerstörerischen im Menschen durch die Ausbreitung der Liebe unter den Menschen dienen zu wollen. Sie geht allerdings davon aus, daß die Liebe immer mit dem Eros verbunden ist und daß sie auch in den anstößigsten Formen des Sexuellen zur Geltung kommt. Wer die Liebe freisetzen will, muß sich mit allen ihren Erscheinungsformen auseinandersetzen.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/268
Enthalten in den Sammlungen:PsyDok

Dateien zu dieser Ressource:
Datei Beschreibung GrößeFormat 
Jesus_und_Oedipus_-_Zur_Psychoanalyse_der_Religion.pdf1,43 MBAdobe PDFÖffnen/Anzeigen


Alle Ressourcen in diesem Repository sind urheberrechtlich geschützt.