Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/311
Titel: Kontrolle: Konzepte und ausgewählte Bezüge zu existentieller Schuld.
Autor(en): Reichle, Barbara
Dalbert, Claudia
Erscheinungsdatum: 1983
Serie/Report Nr.: Berichte aus der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral"; 019
Zusammenfassung: Existentielle Schuld und Kontrollüberzeugungen - was ist das, und was hat es miteinander zu tun? Ein Beispiel: Zwei Personen lesen eine Zeitungsreportage über ein von Hungersnot heimgesuchtes Land in der dritten Welt. Die eine Person folgt dem im Anschluß an den Bericht veröffentlichten Spendenaufruf, die andere nicht. Man fragt sich, warum. Viele Begründungen sind denkbar. Könnte man die beiden Personen fragen, würde die erste vielleicht sagen, sie hätte genügend Geld und brauche keinen Hunger zu leiden, die armen Leute seien wohl nicht schuld an ihrem Hunger, sie schäme sich manchmal über ihren Wohlstand und wolle etwas davon abgeben, um die Not dieser Menschen au lindern. Die Zweite würde vielleicht antworten, so sei eben die Welt, daran könne sie nichts ändern. Damit ist das Thema dieser Arbeit skizziert. Die erste Person in unserem Beispiel plagt ein Unbehagen über ihre im Vergleich zu den anonymen Notleidenden privilegierte Situation. Weder ihre eigene, noch die Lage der beschriebenen Fremden kommen ihr verdient, gerecht vor. Diese Person hat existentielle Schuld. Sie übernimmt Verantwortung und möchte etwas tun, das Leiden lindern und vielleicht auch ihr eigenes Unbehagen. Indem sie etwas tut, offenbart sie eine Überzeugung: Sie ist überzeugt, etwas verändern, beeinflussen zu können. Die zweite Person hat diese Überzeugung nicht. Sie meint, nichts ändern zu können. Sie hat, wenn sie meint, so sei eben die Welt, vermutlich auch keine existentielle Schuld. Aber selbst wenn sie diese hätte, würde sie nicht handeln wollen, weil ihr die Überzeugung fehlt, etwas ändern zu können. Diese Überzeugung läßt sich theoretisch ganz unterschiedlich fassen. So schreibt PORTELE: "Wenn jemand sagt: 'Ich muß' anstatt 'Ich will' oder statt 'Ich will nicht', 'Ich kann nicht', attribuiert er die Handlungsursache aus sich heraus auf äußere Zwänge, läßt sich von ihnen beherrschen, ohne sie zu verändern, richtet sich also in seiner Entfremdung ein." (PORTELE 1981, p. 40). Demzufolge könnte man die beiden Personen aus dem Beispiel anhand der Dimension "Entfremdung" unterscheiden. Bei KRAMPEN (1982) findet sich eine Übersicht über andere, verwandte Konzepte. Die Entscheidung für diese Arbeit fiel auf das Konstrukt der Kontrollüberzeugungen, und zwar aus verschiedenen Gründen: Zum einen erschien dieses Konstrukt als das elaborierteste - es hat in der psychologischen Forschung und Anwendungspraxis so schnell und breit Resonanz gefunden wie nur wenige andere Konzepte; zum anderen erschien es umfassend genug, um dem explorativen Charakter unserer Fragestellung gerecht werden zu können.1 Gesucht war also ein theoretisch ausgereiftes, empirisch bewährtes und dennoch umfassendes Konstrukt, nach dem sich Personen mit verschiedenen Ausprägungsgraden existentieller Schuld unterscheiden lassen, also ein sinnvolles Konstrukt für eine als bedeutsam erachtete Antezedenzvariable. (Daß diese Variable auch Moderatorfunktion haben kann, wenn es um die Umsetzung existentieller Schuld in Handeln geht, steht hier außer Diskussion.) Ob sich das Konstrukt der Kontrollüberzeugungen für diesen Zweck eignet, soll im folgenden überprüft werden. Ausgehend von konzeptuellen Problemen wird das Konstrukt diskutiert und eine klarere Dimensionierung vorgeschlagen: Im Anschluß daran werden die Zusammenhänge zu existentieller Schuld aufgezeigt und der zur Vorhersage existentieller Schuld bedeutsame Anteil des Konstruktes eingegrenzt. Eine Operationalisierung dieses Anteils, des Handlungsspielraums, befindet sich im Anhang. Vernachlässigt werden Fragen nach den konstitutiven Elementen von Kontrolle und Fragen nach den Lernprozessen, die zu unterschiedlichen Kontrollüberzeugungen führen. Gemessen an den vielen Arbeiten, die sich mit den Überzeugungen selbst - und damit lediglich mit dem Ergebnis dieser Lernprozesse - beschäftigt haben, ist der Stand von Theoriebildung und Forschung zu diesen Fragen als unterentwickelt zu bezeichnen. Erste, nach unserem Verständnis vielversprechende Anhaltspunkte finden sich eher in Arbeiten zu verwandten Phänomenen, die weniger in der Tradition ROTTERs (1966) befangen sind, als in Arbeiten zum Kontrollkonstrukt selbst. Die Forschung zur Gelernten Hilflosigkeit ist ein Beispiel. Eine systematisierte Zusammenfassung bietet HECKHAUSEN (1980).
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/311
Enthalten in den Sammlungen:Berichte der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral"
PsyDok

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