Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/322
Titel: Existentielle Schuld: Explikation eines Konzeptes.
Autor(en): Montada, Leo
Reichle, Barbara
Erscheinungsdatum: 1983
Serie/Report Nr.: Berichte aus der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral"; 018
Zusammenfassung: Einem reichen Jüngling, der fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen, antwortet Jesus von Nazareth, er solle seinen Besitz verkaufen und an die Armen verteilen, "denn leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes" (LUKAS 18,25). Jener aber - so berichtet MARKUS (10,21) wurde unwillig über dieses Wort und ging betrübt davon. Ob er existentielle Schuld (wegen seines Besitzes) erlebte, d.h. ob er moralische Probleme mit seinem Reichtum hatte, wird nicht berichtet. Mag sein, er hatte solche. Vielleicht war er aber im Gegenteil der Meinung, daß er sein Geld verdienstvoll und Gott wohlgefällig vermehrt habe: Die Menschen haben häufig Wohlstand als Zeichen göttlicher Gunst gewertet (nach Max WEBERs These "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" wird wirtschaftliches Erfolgsstreben aus diesem Grunde zu einer Lebensmaxime) oder als gerechten Lohn für Tugend und Talent. Hätte der Jüngling das Neue Testament schon kennen können, hätte er sich vielleicht berufen auf die Stelle bei Matthäus, in der der Herr jene Knechte lobt, die sein Geld vermehrt haben, und jenen Knecht hart tadelt, der es vergrub, um es zu sichern, statt mit dem Geld zu arbeiten und es zu vermehren: "Den unnützen Knecht aber wirft er hinaus in die Finsternis draußen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein", heißt es bei MATTHÄUS (25,30). Zwischen den beiden Jesusworten besteht zumindest vordergründig ein Widerspruch, der die Exegeten seit eh beschäftigt. Ist der Reichtum schlechthin gebrandmarkt oder nur der ungerecht - durch Ausbeutung oder Rechtsverletzung - erworbene? Ist der Reichtum als Besitz gemeint oder der Konsum? Der Pfad der Tugend wurde häufig in der Kombination von energischer Besitzvermehrung und persönlichem Konsumverzicht gesehen. Ist nicht vielmehr die Armut - sofern sie nicht einem Gott gegebenen Gelöbnis eines Frommen entspricht - die gerechte Quittung eines Fehlverhaltens? Armut wird häufig als selbstverschuldet angesehen (RYAN 1971), und GOFFMAN (1973) weist auf einen weit verbreiteten Glauben, daß Krankheit und Gebrechen Strafe für moralische Verfehlung sind (Konzept der immanenten Gerechtigkeit, PIAGET 1954). Die zentrale Frage ist die nach den Gründen und der Rechtfertigung gegebener Unterschiede. Welche Normen (der Gerechtigkeit) werden herangezogen, um welche Unterschiede anzugreifen oder zu verteidigen? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden über die Zuschreibung und das Erleben von Schuld. Sofern nicht einzelne Handlungsweisen, sondern die Lebensumstände oder die Lebenssituation auf Dimensionen der Rechtmäßigkeit oder Gerechtigkeit bewertet werden, sprechen wir nicht von Handlungsschuld, sondern von existentieller Schuld. Der Begriff ist in ähnlicher Bedeutung von LIFTON (1967) und HOFFMAN (1976) verwendet worden, wurde aber bislang nicht systematisch expliziert und operationalisiert. Auch hat er keinen Eingang in eine differenziertere Hypothesenbildung gefunden. In diesem Projektbericht wird eine Bedeutungsanalyse eines Konzeptes "Existentielle Schuld" gegeben und eine Bezugbildung zu Befunden und Theorien aus der Forschung über Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit versucht. Eine bereits geleistete erste Operationalisierung ist in DALBERT, SCHMITT & MONTADA (1982)dargestellt.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/322
Enthalten in den Sammlungen:Berichte der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral"
PsyDok

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