Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/337
Titel: Blaming the victim: Schuldvorwürfe und Abwertung
Autor(en): Montada, Leo
Schneider, Angela
Meißner, A.
Erscheinungsdatum: 1988
Serie/Report Nr.: Berichte aus der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral";049
Zusammenfassung: Wird man mit benachteiligten Menschen konfrontiert, z.B. mit Opfern von Krankheiten, Unfällen, Katastrophen, ist nicht generell Sympathie (wörtlich: Mitleid) zu erwarten. RYAN (1971) hat Vorwürfe an die Opfer ("blaming the victim") als ein mögliches Ergebnis der Auseinandersetzung mit Problemen, Notlagen oder Benachteiligungen anderer Menschen beschrieben und interpretiert. Vorwürfe sind sicher nicht in allen Fällen unberechtigt, aber es gibt Voreingenommenheiten (zum Überblick MONTADA 1983), zu deren Interpretation meist zwei Motive genannt werden: (1) Das Motiv, den Glauben zu bewahren, in der Welt herrsche Gerechtigkeit, über das LERNER (1977, 1980) gearbeitet hat. Man will sagen können: "Jeder bekommt, was er verdient." (2) Das Motiv, den Glauben zu bewahren, man könne in einer geordneten Welt sein eigenes Schicksal kontrollieren, das von WALSTER (1966) und SHAVER (1970) postuliert wurde. Man will sich überzeugen: "Mir wäre das nicht passiert." Beiden Motivkonstrukten gemeinsam ist die Annahme eines Strebens nach subjektiver Sicherheit, die eine gerechte und kontrollierbare Welt bietet. Insofern sind sachlich fragwürdige Selbstverschuldungsvorwürfe und Abwertungen der Opfer mit diesen Motiven plausibel zu interpretieren. Ob diese Konstrukte für eine treffsichere Vorhersage ausreichend differenziert und empirisch bewährt sind, ist eine andere Frage. Nicht jedes Opfer wird von allen Beobachtern abgewertet und nicht jede Notlage wird von allen als selbstverschuldet beurteilt. Beide Motivkonstrukte dienen vornehmlich der post hoc Interpretation. Für eine Vorhersage sind Präzisierungen erforderlich, z.B. bezüglich der Anlaßsituationen (LERNER & MILLER 1978 geben hierzu Anregungen), bezüglich dispositioneller Unterschiede (vgl. RUBIN & PEPLAU 1975, MONTADA 1987, MAES & MONTADA 1988) oder bezüglich der Beziehungsqualität zwischen Beobachter und Opfer, z.B. dessen Attraktivität (JONES & ARONSON 1973). - 2 - Bei der Suche nach solchen Präzisierungen wurde besonders häufig die Frage aufgeworfen, welche Rolle die wahrgenommenen Ähnlichkeit zwischen Opfer und Beobachter spielt. Es liegt nahe anzunehmen, daß Selbstverschuldungsvorwürfe und Abwertung bei wahrgenommener Ähnlichkeit mit dem Opfer (SHAW & McMARTIN 1977) oder mit der Erwartung, selbst ein ähnliches Schicksal zu erleiden (CHAIKIN & DARLEY 1973; ADERMAN, BREHM & KATZ 1974) unwahrscheinlicher werden. Die empirischen Untersuchungen hierzu bieten allerdings kein einheitliches Bild (zum Überblick BURGER 1981), was bei einigem Nachdenken auch nicht verwundert. Die Rolle der Ähnlichkeit im Prozeß der Auseinandersetzung mit Opfern ist nicht als einheitlich anzunehmen. Auf der einen Seite ist bekannt, daß Ähnlichkeit im allgemeinen zu sozialer Attraktion und damit zu wohlwollender Bewertung führt (BERSCHEID & WALSTER 1977), auf der anderen Seite kann Ähnlichkeit mit einem Opfer insofern bedrohlich sein, weil einem Ähnliches widerfahren kann. Deshalb kann wahrgenommene Ähnlichkeit mit einem Opfer ein defensives Kontrollierbarkeitsbedürfnis wecken und eine Suche nach Unterschieden anregen, um subjektive Sicherheit zu erlangen. Selbstverschuldungsvorwürfe und Abwertungen sind geeignet, Unähnlichkeiten mit einem Opfer in einem relevanten Handlungsbereich zu konstatieren. Wer z.B. mit einem Vorwurf an das Opfer sagt, das könnte mir nicht passieren, schreibt dem Opfer im Unterschied zu sich selbst fehlende Umsicht oder fehlende Handlungskompetenz zu. LERNER & AGAR (1972) und NOVAK & LERNER (1968) haben nach empirischen Belegen hierfür gesucht.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/337
Enthalten in den Sammlungen:Berichte der Arbeitsgruppe "Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral"
PsyDok

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