Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/355
Titel: Fußballsport als Ideologie
Autoren: Vinnai, Gerhard
Erscheinungsdatum: 1970
Zusammenfassung: Einzig der Sport bewegt die Massen noch massenhaft; er bewegt sie im Interesse irrationaler gesellschaftlicher Verhältnisse. Wenn die Herrschaft fest im Sattel sitzen soll, darf Freizeit nicht in Freiheit umschlagen - der Sport sorgt dafür. Wo sich nach Ansicht der Sportideologen spielerisches Treiben entfaltet, werden in Wahrheit Elemente der fremdbestimmten Arbeitswelt verdoppelt, bekommen die Menschen die Rationalität des Kapitals eingebläut, herrscht die Vernunft des Profits. Unter dem Schein der freien Entfaltung verhindert der Sport, dass der Körper dem lebendigen Genuss zur Verfügung steht, zementiert er das Realitätsprinzip einer Gesellschaft, die Körper und Seele von einer wildgewordenen Ökonomie ausbeuten lässt. Auf dem Sportplatz wird das reibungslose Funktionieren geübt, werden die Bedürfnisse so manipuliert, dass ihr subversives Moment nicht zum Tragen kommt: die Pseudoaktivität mit dem Lederball kanalisiert die Energien, die das >>Gehäuse der Hörigkeit<< sprengen könnten. Der Fußballsport erzieht den Typus Mann, der zum robusten Einsatz seiner Kräfte unter der Anleitung anderer bereit ist. Die gesellschaftliche Unvernunft begnügt sich nicht damit, falsches Bewusstsein auszusäen, sie programmiert die Psyche mit Mustern eines Verhaltens, das sich der Übermacht der Verhältnisse fügt - nicht zuletzt mit Hilfe des Sports. Für die Sportanhänger gilt die Maxime eines autoritätsfixierten, masochistischen Charakters, die das Fortbestehen repressiver, demokratisch nicht kontrollierter gesellschaftlicher Verhältnisse ermöglicht: >>Sich quälen ohne zu klagen ist die höchste Tugend, nicht die Abschaffung oder wenigstens die Verringerung des Leidens.<< Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten. Der Fußballkult ist unserer Gesellschaft zu einer Art Lebensersatz geworden. Die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zur Fußballweltmeisterschaft, verbunden mit wirtschaftlichen Interessen, kulturindustriell angeheizte Fußballbegeisterung macht dies besonders sichtbar. Viele Intellektuelle, die sonst noch halbwegs bei Verstand sind, verspüren heute den Drang, sich als Fußballfans zu outen, anstatt, wie es ihre Aufgabe wäre, kritisch über die soziale Rolle des Fußballsports nachzudenken. Das rechtfertigt es, dass ein älterer Text, der eine grundlegende Kritik des Fußballsports versucht, wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Kritik, die er übt, mag problematische Züge tragen oder in manchem veraltet sein, sie hat aber leider, wie zu fürchten ist, noch an Aktualität gewonnen. Die Analyse der soziologischen, sozial- und individualpsychologischen Funktionen des Fußballsports bleibt nicht bei einer allgemeiner Ideologiekritik stehen. Im einzelnen wird u. a. diskutiert: die Geschichte des Fußballsports, die verschiedenen Spielsysteme und Trainingsmethoden, die Bürokratisierung des Sportbetriebs, die Profitchancen der Vereine, die Funktion von Sportstars, der Fußballsport als Sozialisationsinstanz oder die Ursachen der Fußballbegeisterung.
URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:291-psydok-8091
http://hdl.handle.net/20.500.11780/355
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