Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/3564
Titel: Kriegerwitwen
Autor(en): Kemmler, Lilly
Ermecke, Julia
Wältermann, Oliver
Erscheinungsdatum: 2004
Zusammenfassung: Was bewegt uns, 58 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen Artikel über deutsche Kriegerwitwen zu schreiben? Sind der Krieg und seine Folgen nicht fast vergessene Historie? Es gibt mehrere Gründe: Durch die Medien werden wir ständig mit Nachrichten und Bildern über kriegerische Ereignisse auf unserer Welt konfrontiert. Immer, wenn es Kriege zwischen Nationen, Volksgruppen, Bürgerkriegsparteien auf der Welt gibt (im Augenblick etwa 30) sterben nicht nur Soldaten, sondern es sind auch Frauen betroffen, häufig mit Kindern oder mit alten Eltern. Sie verlieren ihre Wohnungen, ganze Dörfer werden zerstört. Die Frauen, häufig vertrieben (>>displaced<<), müssen sich allein durchschlagen. Bei der Suche im Internet unter "War Widows" fanden wir kaum deutsche Artikel zu Kriegerwitwen, dagegen erstaunlicherweise einen Artikel von Triebe, R. und De Silva, P. (1999) mit dem Titel "Psychological intervention with displaced widows in Sri Lanka". Seit Jahrzehnten gibt es eine blutige Auseinandersetzung zwischen Tamilen und Singhalesen auf Sri Lanka. Aber wer denkt beim Hören dieser Nachrichten an Kriegerwitwen? In dem genannten Artikel wird berichtet, dass den Kriegerwitwen in psychologischen Gruppentrainings "Coping"-Strategien vermittelt werden, Strategien des Überlebens. Dies hat es dagegen für deutsche Kriegerwitwen in all den Jahren augenscheinlich nicht gegeben. Noch in den achtziger Jahren wurde offiziell von 3,5 Millionen deutschen männlichen Kriegstoten im weiten Weltkrieg gesprochen. Inzwischen ist von R. Overmans (1999) ein Forschungsbericht "Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg" erschienen. Der Autor (er hat Geschichte und Betriebswirtschaft studiert) kommt auf eine Zahl von 5,3 Millionen deutscher und österreichischer Toter (einschließlich der in Kriegsgefangenschaft umgekommenen Männer). Es müssen damit ebenso viele Frauen (als Kriegerwitwe oder als Ledige) allein geblieben sein. In den neunziger Jahren gab es nun endlich mehr Aufsätze und Bücher zum Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit, verfasst eher von den Kindern und Enkeln der Betroffenen. Drei seien hier eher zufällig herausgegriffen: "Abwesende Väter" (2000) von Hartmut Radebold (geb. 1935) berichtet über Ergebnisse von Psychoanalysen bei Klienten, die ihren Vater nur als Kleinkinder oder gar nicht kennenlernten, weil er entweder bereits im Krieg gefallen war oder erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, als die Kinder schon herangewachsen waren; häufig nur, um bald zu sterben. Der Autor gehört selbst zu dieser Kindergruppe. "Der lange Schatten des Krieges. Deutsche Lebensgeschichten nach 1945" (2000) von Elisabeth Domanski und Jutta DeJong (geb. 1951; 1950) verfasst. Zum 50. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges fand in Wülfrath eine Ausstellung über die unmittelbaren Nachkriegsjahre statt. Daran anschließend wurden Interviews mit betroffenen Ausstellungsbesuchern gemacht, die in dem Buch zusammengefasst sind. "Nicht der Rede Wert. Die Privatisierung der Kriegsfolgen", z.B. Verwundung, Vertreibung, viele zerstörte private Gebäude in der frühen Bundesrepublik (1999) von Vera Neumann (geb. 1960). Auch heute noch ist Witwe zu werden ein kritisches Lebensereignis, das hohe Lebenskompetenzen erfordert und uns etwas über den Erwerb und die Anwendung von Bewältigungsstrategien lehren kann. Es gibt z.B. soziologische Untersuchungen, die zeigen, dass heute in Deutschland Witwen, die ja meist im Mittel sehr viel älter sind als unsere Kriegerwitwen, seltener wieder heiraten als männliche Witwer. Die 16 Kriegerwitwen &mdash; über die nachfolgend berichtet wird - sind zwischen 1911 und 1923 geboren, bei Kriegsende also zwischen 21 und 34 Jahre alt. Zur Verwitwung kamen häufig weitere kritische Lebensereignisse, z.B. Flucht, Vertreibung, Krankheit und Sterben der Eltern, am Anfang fehlende, dann sehr kleine Renten, häufig keine Berufsausbildung, die dann durch die Umstände auch nicht mehr nachzuholen war, fehlende Arbeitsmöglichkeiten, Zerstörung der eigenen Wohnungen in den Bombengebieten. So sagt das Schicksal der Kriegerwitwen und deren Befragung auch etwas über den Umgang mit traumatischen Erfahrungen und ihrer Bewältigung aus. Erstaunlich erscheint uns, dass die Nachkriegsschwierigkeiten heute häufig vergessen oder sogar geleugnet werden. Joachim Seng schreibt in "Zeit und Bild" der Frankfurter Rundschau (2000, 25.11., S. 21): "Wer dachte im Jahr 1949 in Deutschland an Auschwitz? ...Der Krieg war vor vier Jahren zu Ende gegangen; was die Deutschen interessierte, waren der Wiederaufbau und die Währungsreform. Man blickte nach vorne, oder aber weit zurück auf glücklichere Tage..." Und Fulbert Steffensky schreibt in "Pax Christi" 1995/2, Seite 3 (in der Mitte der Seite gibt es ein Bild mit Jungmädeln in Uniform und mit Hakenkreuzfahnen): "Am 8. Mai 1945 ging für diese Mädchen eine Welt unter. Ein paar Jahre später hatten sie schon vergessen, jemals dazu gehört zu haben." Die Erstautorin (geb. 1924) fragt sich, woher die beiden Autoren das wissen. Haben sie größere Untersuchungen dazu gemacht? Merkwürdig, wie sich die Jüngeren die Zeit kurz nach Kriegsende vorstellen. Die Millionen von Eltern, deren Söhne nicht wiederkamen, zwischen 11 und 14 Millionen Flüchtlinge/Vertriebene (die Zahlen können nur geschätzt werden), die seit Kriegsende aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach West- und Ostdeutschland kamen, zum Teil zu Fuß, mit Pferdewagen, von untergehenden Schiffen gesprungen, geschwommen. All die zerbombten Häuser, 600.000 Menschen, die darin umgekommen sind. Interessierte uns Deutsche wirklich nur der Wiederaufbau und die Währungsreform? Was mussten z.B. diese Flüchtlinge aushalten, die langsam gen Westen strömten, die dann irgendwo "unterkrochen" und keineswegs "gut gelitten waren". Ausführlich lässt sich dies in dem dreibändigen Werk der Historikerin Margarethe Dörr (1998) "Wer die Zeit nicht miterlebt hat... Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach" nachlesen, in dem sie in ausführlichen Interviews ihre Daten erhoben hat. Margarethe Dörr hat auch in einem Vortrag in Münster vor dem Staatsbürgerinnenverein unter anderem darüber gesprochen, dass es in unserem Staat zur "Political Correctness" gehört, die Deutschen nur als Täter und nicht auch als "Opfer" zu sehen. Wir Deutschen haben mit dem Krieg begonnen, mit all den Schrecklichkeiten, dem Holocaust und den Mordtaten in den besetzten Ländern. Aber was ist mit den nachfolgenden Generationen, wenn sie nichts oder fast nichts über die weiteren Folgen, nämlich die Verluste der Deutschen und Österreicher, erfahren (auch im Hinblick auf die Rechtsradikalen, die dies augenscheinlich ausblenden)? Ein letzter Grund, diesen Artikel 15 Jahre nach den Interviews noch zu schreiben, war für uns eine Verpflichtung gegenüber den Kriegerwitwen, die sich bereit erklärt hatten, dieses Interview auf sich zu nehmen und sich wiederholende Fragen zu beantworten. Es war notwendig, zwei Studentinnen Rede und Antwort zu stehen und sich gleichzeitig auf diese schweren Zeiten zu besinnen, Erinnerungen zuzulassen. Deshalb werden in diesem stärker qualitativen Artikel die Kriegerwitwen sehr häufig in wörtlicher Rede zitiert. Wir danken ihnen allen, auch denen, die bereits verstorben sind. Allgemeine gerontopsychologische und Frauenfragen sowie Einzelheiten zur Witwen-Problematik können hier aus Platzgründen nicht diskutiert werden, vgl. hierzu z.B. Lehr (1987), Mayer & Baltes (1996), Fooken (1978). Die Interviewpartnerinnen für das Gesamtprojekt wurden zum Teil von den Studentinnen über ihre Mütter, Tanten und deren Freundinnen vermittelt. Es wurde aber auch in der Zeitung inseriert und ein kleines Honorar angeboten. Dabei stellte sich heraus, dass es sehr schwierig war, Kriegerwitwen für die Interviews zu gewinnen. Sämtliche Interviews fanden in der BRD im nordwestdeutschen Raum statt.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/3564
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