Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/474
Titel: Untersuchungen zu psychologischen Prozessen im Lebensverlauf von Kindersoldaten
Sonstige Titel: Investigations of Psychological Processes in the Life Span of Child Soldiers
Autor(en): Biedermann, Jürgen
Erscheinungsdatum: 2007
Zusammenfassung: Ziel der vorliegenden Arbeit war es, das Erleben und Verhalten von zwangsweise rekrutierten Kindersoldaten der LRA, einer Rebellenbewegung im Norden Ugandas, näher zu beleuchten. Durch eine qualitative Analyse von Narrationen der Erlebnisse bei den Rebellen, die im Rahmen einer traumafokussierten Therapie an 24 ehemaligen Kindersoldaten (13 weiblich, 11 männlich) entstanden, konnte ein Verlaufsmodell erstellt werden. Methodisch wurde dabei auf das narrative Erklärungsmodell von Danto (1974) und auf sozialpsychologische Theorien Bezug genommen. Es zeigte sich, dass die Kindersoldaten nach ihrer Entführung im Allgemeinen einen Adaptionsprozess durchschreiten. Dieser resultiert aus dem Bestreben heraus, die bis zum Tod führenden Konsequenzen für Verstöße gegen das herrschende Regelsystem der Rebellen zu vermeiden. Gleichzeitig ermöglicht er den Kindersoldaten, ihrer anfänglichen Position der Hilflosigkeit und Unsicherheit über ihr weiteres Schicksal ein Stück weit zu entkommen und wieder zu einem wirkungsvolleren Umgang mit ihrer Umwelt zu gelangen. Die ersten Bestrafungsmaßnahmen, die die Entführten als Opfer und mitunter gleichzeitig als Täter erfahren, werden meist hoch traumatisch erlebt. Zugleich können sie als Einführungsritual in die LRA betrachtet werden. Im weiteren Verlauf entwickeln die Kindersoldaten Mechanismen, um emotional mit der fortschreitenden Integration in die Handlungsweisen der Rebellen zurechtzukommen. Diese führen dazu, dass sich die Intensität des emotionalen Erlebens bei der Ausführung erzwungener Handlungen, wie zum Beispiel dem Töten einer Person oder der Partizipation an Raubüberfällen auf Dorfgemeinschaften, verringert. Eine große Rolle spielt dabei, dass sie zu den Handlungen unter Androhung massiver Gewalt gezwungen werden, und sich somit der Referenzrahmen für die Bewertung dieser außerhalb ihrer Verantwortlichkeit befindet. Die Kindersoldaten distanzieren sich in Folge vom Objekt ihrer Handlungen und fokussieren auf konkret handlungsrelevante Aspekte der professionellen Ausführung ihrer zugeteilten Aufgabe. Dieser Mechanismus wurde in Anlehnung an Goffman (1973) als Rollendistanz bezeichnet. Mit zunehmender Zeit kommt es zu einer Internalisierung der Verhaltensregel, dass Befehle ohne Widerstand auszuführen sind. Im weiteren Verlauf bilden die Kindersoldaten eine rollen-basierte Identität aus, welche hauptsächlich aus der hierarchisch-militärischen Grundstruktur der LRA resultiert. So erhält jeder Kindersoldat bestimmte Aufgabenbereiche und nimmt eine damit verbundene Position ein. Die erlebte Bedrohung des eigenen Lebens durch Angriffe der Regierungsarmeen auf die betreffende Einheit des Kindersoldaten ist unter anderem für die Ausbildung einer gruppenbasierten Identitätskomponente verantwortlich. Sie geht mit der Wahrnehmung eines gemeinsamen Schicksals und Feinds einher. Gleichzeitig wird die Einheit des Kindersoldaten auch zur einzigen Quelle sozialer Unterstützung und bei einer professionellen Ausführung der zugewiesenen Aufgaben bietet sie ihm zu einem gewissen Grad auch Zugang zu positiven Verstärkern. Der Umstand, den Rebellen nicht entfliehen zu können, wird dann mehr und mehr als unabänderlich hingenommen. Entführte Mädchen durchschreiten im Allgemeinen die gleichen Prozesse wie die männlichen Kindersoldaten, mit der Einschränkung, dass sie normalerweise keine Waffe erhalten und sich nicht aktiv an den Gefechtshandlungen beteiligen. Allerdings werden sie oft mit einem zusätzlichen, hoch traumatischen Erlebnis konfrontiert, das in ihrer ersten Vergewaltigung besteht. Diese findet im Rahmen eines strukturierten Vorgangs statt, in welchem betreffendes Mädchen einem Rebellen als "Ehefrau" zugewiesen wird. Bei den in Folge regelmäßig stattfindenden Vergewaltigungen erfolgt bezüglich des traumatischen Erlebens gewöhnlich ein Habituationsprozess, und die Frauen betrachten es als zu erleidendes Schicksal und Teil ihrer Rollenerwartung als Ehefrau, mit ihren Männern schlafen zu müssen. Teilweise entwickeln sie ihnen gegenüber auch ambivalente Gefühle, und andere Aspekte der Beziehung gewinnen an Einfluss. Anschließend wurden in einer Diskussion der Erkenntnisse aus dem Verlaufsmodell im Hinblick auf mögliche posttraumatische Reaktionen Erklärungsansätze für die Feststellung generiert, dass im Allgemeinen die PTSD-Symptomatik im unmittelbaren Anschluss an die Rückkehr in Anbetracht der Schwere und Anzahl der erlebten potentiell traumatischen Erlebnisse erstaunlich niedrig ausfällt. So betrug die PTSD-Rate trotz der durchschnittlichen Anzahl von 17 erlebten Traumatypen nur 12,5%, und es ergab sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Schwere der PTSD-Symptomatik und der Anzahl der erlebten Traumatypen innerhalb der LRA. Als zentral in den betreffenden Erklärungsansätzen wurde die mit zunehmender Zeit bei den Rebellen stattfindende Adaption der Sinn- und Bedeutungsstrukturen sowie deren anschließender Zusammenbruch nach der Rückkehr der Kindersoldaten herausgestellt.
The thesis is dealing with psychological processes experienced by former child soldiers during their time in military duty. The Narrations of 24 former child soldiers (13 female, 11 male) were analyzed. All child soldiers were forcefully recruited by the LRA, a rebel movement which has been acting in the North of Uganda for more than 20 years. The narrations result from a trauma focused therapy called Narrative Exposure Therapy (NET). It is based on cognitive behavioral exposure principles and designed to treat Posttraumatic Stress Disorders. In NET, the patient repeatedly talks about the worst traumatic events in his life in detail while re-experiencing the sensomotoric perceptions, body sensations, emotions and cognitions associated with these events. Focusing on the detailed report of the traumatic experiences, the patient constructs a narration of his life. Methodically, the analysis of the narrations refers to the "Narrative Explanation Model' of Danto (1974), which transfers the question of "why' a certain change happened into the question of "how' this change happened. Additionally, social psychology theories were attended. The aim of the study was to develop a course model of psychological processes that take place after the recruitment into the LRA. It turned out that the child soldiers are going through an adaptation process with ongoing time. In the beginning, the adaptation results from the attempt to avoid punishments which, in many cases, reach a deadly intensity if the child soldiers don't fulfill the ordered commands (given by their commanders). At the same time, the adaptation process enhances the child soldiers' self efficacy to a certain degree and the environment becomes more predictable for them again. In their initial periods, the child soldiers are not only beaten by the rebels but are also forced to participate in punishing others, which often consists in beating them until they die. These experiences are emotionally very intense and traumatic, but with ongoing time the child soldiers learn how to emotionally and cognitively cope with the increasing embedding into the actions of the LRA, e.g. the killing of others or the participation in looting villages to get access to food supply, and the intensity of the emotional arousal during them decreases. Crucial in the child soldiers' perception of the concerning situations is that the frame of reference lies beside their responsibility and the alternative of not participating would mean their death. In consequence, the children distance themselves from the objects of violence and focus on aspects of a professional execution of their role-specific duty, a mechanism which can be viewed under the role-distance concept of Goffman (1973). Further, the behavior rule fulfilling the given orders without protest becomes more and more internalized and a role-based identity is developed, fostered through the highly hierarchical-military structure of the LRA, in which every member has to fulfill his duties. Simultaneously, a group-based identity emerges and the support of the LRA-unit member becomes necessary for survival, especially in battles against the government forces. Female child soldiers are, in general, undergoing the same processes like males, with the exception that active participation in the frontline of the battles is rather uncommon. However, they are confronted with an additional highly traumatic experience as they are often given as wife to and raped by the rebel commanders. In respect of the traumatic experience of the often continuing rapes, again an adaptation process takes place and the women often regard it as fate to be suffered to stay with their men. Subsequently, the findings of the course model will be discussed in light of the Posttraumatic Stress Symptomatic in the child soldiers and explanation approaches will be presented, referring to the fact that the PTSD rate is extremely low in respect to the high amount of potentially traumatic experiences which the children/ youth exhibit when they return from the LRA, but then seems to increase with subsequent time in their home villages. As a central point, the adaptation of meaning and belief structures will be pointed out, which develops during the stay with the rebels and is challenged as soon as they are confronted with a need to justify themselves in their home villages for the fact that they often also participated in the atrocities against the civil population.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/474
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