Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/511
Titel: Bewusstsein als psychologisches Konstrukt und seine Operationalisierbarkeit
Sonstige Titel: Consciousness as a psychological construct and some remarks to possible operationalisations
Autor(en): Hoffstaedter, Felix
Erscheinungsdatum: 2008
Zusammenfassung: Der Gegenstand dieser Diplomarbeit ist das durchschnittlich entwickelte und nicht pathologisch eingeschränkte, mentale Phänomen, das allgemein als "Bewusstsein" bezeichnet wird. Das Thema ist somit jenes Bewusstsein, das üblicherweise einem erwachsenen Menschen zugeschrieben wird. Das Ziel dieser analytischen Überlegungen ist es, ein psychologisches Bewusstseinskonstrukt zu umreißen, mit dessen Hilfe Bewusstseinszustände und -prozesse im Allgemeinen beschreibbar sind und im Einzelnen operationalisiert werden könnten. Das erste Problem im Zusammenhang mit dem Bewusstseinsphänomen ist, dass schon der Begriff >>Bewusstsein<< mehrere Bedeutungen hat. Genauer gesagt kann der Begriff auf ganz unterschiedliche Weise verwendet werden und bezeichnet jeweils verschiedene Dinge. Es handelt sich also um einen sehr komplexen Gegenstand, weshalb eingangs manche Aspekte des allgemeinen Bewusstseinsverständnisses und einige mit dem Bewusstseinsbegriff verbundene Assoziationen ausgeschlossen werden müssen. Behandelt wird ausschließlich das individuelle Bewusstsein des erwachsenen Menschen und nicht das von Tieren oder ein wie auch immer geartetes künstliches Bewusstsein. Unterschiede im Bewusstsein von Erwachsenen und Kindern, wie auch die Bewusstseinsentwicklung werden ebenfalls nicht thematisiert. Der erste Teil der Arbeit ist mit der Aufgabe befasst, diesen Gegenstand zu konkretisieren und eine Art Arbeitsdefinition von Bewusstsein zu entwerfen, im Bestreben dem Phänomen als Ganzes gerecht zu werden. Auf Grundlage dieser Definition werden im nächsten Schritt anhand der Analyse vier verschiedener Bewusstseinskonzeptionen allgemeine Aspekte von Bewusstsein bestimmt. Diese übergeordneten Bewusstseinsaspekte bilden die Basis der Ableitung von subjekt- und objektorientierten Kriterien für ein psychologisches Bewusstseinskonstrukt. Abschließend werden diese Bewusstseinsaspekte und -kriterien auf ihre Operationalisierbarkeit hin diskutiert und beispielhaft Untersuchungsmöglichkeiten aufgezeigt. Überblick Im ersten Kapitel wird eine Analyse der Verwendung des Bewusstseinsbegriffs durchgeführt. Die Grundlage dafür liefert die kritische Auseinandersetzung des Sprachphilosophen Andreas Kemmerling mit der begrifflichen Unübersichtlichkeit von >>Bewusstsein<<. Grundsätzlich kann zwischen einem alltagssprachlichen und einem philosophischen Begriffsgebrauch differenziert werden. Das zweite Kapitel sensibilisiert für die wichtige Unterscheidung zwischen dem, WAS bewusst ist bzw. WOVON ein Bewusstsein ist und dem BEWUSSTSEIN selbst. Das dritte Kapitel stellt einen Abriss der verschiedenen Verwendungsweisen des Bewusstseinsbegriffs im Laufe der Psychologiegeschichte dar. Grundlage dafür ist eine psychologiehistorische Analyse von Carl-Friedrich Graumann. Sechs verschiedene Bedeutungen von Bewusstsein in der Psychologie werden zunächst unabhängig voneinander dargestellt und in Bezug auf ihre Relevanz für ein allgemeines Bewusstseinskonstrukt bewertet. Eine Zusammenfassung des psychologischen Begriffsgebrauchs und eine erste richtungsweisende Begriffscharakterisierung beschließen das Kapitel. Eine vorläufige Definition des Bewusstseinsbegriffs ist das Ziel des vierten Kapitels. Zu diesem Zweck werden zuerst grundsätzliche Probleme der Definition von Bewusstsein angesprochen. Anschließend werden die Bewusstseinsdefinitionen des Philosophen John Searle und des Wissenschaftstheoretikers Volker Gadenne vorgestellt. Die Zusammenführung dieser beiden Definitionsbeispiele unter Berücksichtigung des psychologischen Bewusstseinsbegriffs begründet die Arbeitsdefinition von Bewusstsein als Grundlage für ein psychologisches Bewusstseinskonstrukt. Im Laufe des fünften Kapitels werden vier verschiedene Konzeptionen von Bewusstsein vorgestellt. Der Philosoph und Psychologe William James formulierte sein Bewusstseinskonzept mithilfe einiger weniger Merkmale des menschlichen Denkens aus der Perspektive des Pragmatismus. Um die drei weiteren Bewusstseinskonzepte vergleichbar zu machen, wird die James'sche Methode der Konzeption einzelner Merkmale des Denkens und des Bewusstseins übernommen. Der Graumann?sche Ansatz formuliert die Bewusstseinsmerkmale vorwiegend aus phänomenologischer Sicht. Der dritte Ansatz von Volker Gadenne und Margit Oswald beschreibt Bewusstsein aus kognitionswissenschaftlicher Sicht. Der vierte Ansatz von Jean Delacour stellt in gewissem Sinn eine Kombination aus den drei vorangehenden Ansätzen dar. Bewusstsein wird hier im Hinblick auf eine Untersuchung der neurobiologischen Realisierung der einzelnen Merkmale konzipiert. Im sechsten Kapitel werden aus den Merkmalen der vorgestellten Bewusstseinskonzepte allgemeine Aspekte von Bewusstsein entwickelt. Anhand von grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Merkmalen der vier Ansätze werden diese zu übergeordneten Aspekten von Bewusstsein zusammengefasst. Ausgehend von diesen allgemeinen Bewusstseinsaspekten werden im siebten Kapitel schließlich notwendige Kriterien für ein psychologisches Konstrukt von Bewusstsein abgeleitet. Diese subjekt- bzw. objektorientierten Kriterien sind als eine Art Schablone oder Prüfstein zu sehen, anhand derer die Entwicklung und Beurteilung von psychologisch relevanten Bewusstseinstheorien möglich erscheint. Im achten und letzten Kapitel wird die Operationalisierbarkeit von Bewusstsein im Allgemeinen und der entwickelten Aspekte und Kriterien im Besonderen diskutiert. Abschließend werden konkrete Vorschläge für eine Operationalisierung der subjektorientierten Bewusstseinskriterien der Innenwelt (Innenperspektive) sowie der einzelnen Aspekte und Kriterien in Bezug auf die objektorientierte Außenperspektive des Bewusstseins skizziert. Mit einem Verweis auf wissenschaftstheoretische Grundfragen ist das Ziel dieses Vorgehens, die entwickelten Aspekte und Kriterien von Bewusstsein in Relation zu verschiedenen Forschungsbereichen der Psychologie zu setzten, sowie die Bedeutung der Neurowissenschaften und der Linguistik für eine Untersuchung des Bewusstseinsphänomens in seiner ganzen Komplexität zu betonen. Ergebnis Die durch eine Kombination der vier Bewusstseinskonzeptionen gewonnen sieben Bewusstseinsaspekte sind die Folgenden: Die vier Aspekte der Person (I.), der Zeit (II.), der Ganzheit (III.) und der Gestalt (IV.) beziehen sich direkt auf das bewusste Erleben selbst und seine individuelle Erscheinungsweise, die Innenperspektive des Bewusstseins. Danach folgt der Bewusstseinsaspekt des Bezugs zur Welt (V.), welcher auf einer höheren Abstraktionsstufe das Bewusstsein in seinem Bezug zur realen Welt analysiert, also die Verbindung von Innenperspektive und Außenperspektive behandelt. Die weiteren Bewusstseinsaspekte der Physiologie (VI.) und der Sprache (VII.) beziehen sich gleichzeitig auf die subjektive Innenperspektive wie auf die objektive bzw. intersubjektive Außenperspektive des Bewusstseins. Die abschließend entwickelten sieben Kriterien für ein Bewusstseinskonstrukt stellen eine Konkretisierung der allgemeinen Bewusstseinsaspekte (I-VII) dar. Diese Kriterien sind nicht unabhängig voneinander, sondern bedingen sich teilweise funktional gegenseitig und konstituieren sich grundsätzlich wechselseitig. Die einzelnen Kriterien werden jeweils konzeptuell, subjekt- und objektorientierten skizziert, um eine Festlegung auf ein einzelnes Wissenschaftsparadigma der Psychologie zu vermeiden. Bei der Operationalisierung der verschiedenen Bewusstseinskriterien wird ein unterschiedliches Vorgehen für die Kriterien der Innenperspektive (I.-IV.) und für die Kriterien der Außenperspektive (VI.-VII.) vorgeschlagen. Die Verbindung dieser beiden Perspektiven (V.) in Form des Konzepts der Intentionalität ist ihrem Wesen nach eine wissenschaftstheoretische Frage: das Leib-Seele-Problem. Die vorgenommene psychologietheoretische Analyse von Bewusstsein wurde im Sinne der folgenden Überlegung unternommen: Jede Beschreibung von Bewusstsein bezieht sich (zuerst) auf eine innerlich erlebte Sicht der Dinge, auf eine innere Wirklichkeit. Die Vorstellung vom Bewusstsein als eine innere Repräsentation der Außenwelt ist ein unentbehrlicher Schlüssel zur systematischen, (natur-) wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens >>Bewusstsein<<. Nichtsdestotrotz ist der Kern des Bewusstseinsphänomens das Erleben selbst: die psychische Existenz des Menschen in seiner bewussten Innenwelt. "Bewußtsein ist keine >>private<< Domäne innerer Vergegenwärtigungen einer äußeren >>öffentlichen<< Welt, sondern die Gegenwart der Welt für den Menschen." (Carl F. Graumann)
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/511
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