Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/556
Titel: Zur simulierten Rechtfertigung wirtschaftlicher und medizinischer Entscheidungen in Ethikkommissionen: Eine empirische Analyse des Einflusses von Rollenerwartungen
Autor(en): Witte, Erich H.
Heitkamp, Imke
Wolfram, Maren
Erscheinungsdatum: 2005
Serie/Report Nr.: Hamburger Forschungsberichte zur Sozialpsychologie;62
Zusammenfassung: Diese Studie untersucht die Frage, ob Personen von den Trägern bestimmter sozialer Rollen unterschiedliche Entscheidungen und Rechtfertigungen im Zusammenhang mit ethischen Konfliktsituationen erwarten. Versuchspersonen (N= 551) wurden gebeten, sich Vorstellungen über die Situation eines Rollenträgers zu machen und auf Grund dieser die erwartete Argumentation des Entscheiders zu verfolgen. Die Versuchspersonen wurden mit einem von folgenden zwei Szenarios konfrontiert: Im ersten Fall sollten sie einschätzen, wie ein spezifischer Rollenträger (z.B. Externer Berater, Politiker, Jurist) in einer Problemsituation aus dem Bereich der Wirtschaft handeln würde (Würde er die Produktion ins Ausland verlegen oder würde er versuchen, die Produktionskosten zu senken und nicht zu verlagern?). Im anderen Fall sollten sie beurteilen, wie ein Rollenträger (z.B. Betroffener, Mediziner, Sozialwissenschaftler) auf ein ethisches Problem im Bereich der Medizin reagieren würde (Stimmt er einem Versuch der Genmanipulation zu, um Erbkrankheiten zu verhindern oder lehnt er einen solchen Versuch ab?). Zunächst sollte eine konkrete Handlungsentscheidung gefällt werden. Anschließend sollte diese anhand einer Wichtigkeitseinschätzung von vier klassischen ethischen Grundpositionen gerechtfertigt werden: Hedonismus, Utilitarismus, Deontologie und Intuitionismus. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wichtigkeitseinschätzungen der vier ethischen Grundpositionen leicht mit dem Kontext (Wirtschaft versus Medizin) variieren. In der Wirtschaft werden vor allem Utilitarismus und Deontologie, in der Medizin vor allem Hedonismus und Utilitarismus zur Rechtfertigung herangezogen. Es zeigen sich dabei zahlreiche Rollenunterschiede in beiden Kontexten und bezogen auf alle vier Positionen. Eine signifikante Wechselwirkung zwischen Ethik und Rolle kann festgestellt werden. Bei der individuellen Rechtfertigung der Entscheidungen nehmen in beiden Bereichen vor allem die beiden Positionen Utilitarismus und Deontologie sowie auch die individuelle Interpretation der sozialen Rolle einen Einfluss auf die individuelle Variation der Entscheidung. Abhängig von der Rolle können interindividuelle Varianzen die Entscheidungen vorhersagen, allerdings nur bei weniger stark normierten Rollenbedingungen. Zusätzlich wurde untersucht, inwiefern sich die Ergebnisse von einer vorangegangenen Studie (Heitkamp, Borchardt & Witte, 2005) unterscheiden, in der sich die Versuchspersonen (N=682) selbst in die soziale Rolle hineinversetzten und aus dieser heraus eine persönliche Entscheidung trafen und rechtfertigten. Verglichen werden konnten somit die Bedingungen "Rollenerwartung" (aktuelle Studie) und "Rollenverhalten" (Studie I). Im Vergleich der Bedingungen "Rollenerwartung" und "Rollenverhalten" zeigen sich deutliche Unterschiede. Bei der Wichtigkeitseinschätzung der ethischen Grundpositionen kann unter der Bedingung "Rollenverhalten" ein größerer Varianzanteil durch die Effekte der Ethikskalen aufgeklärt werden als unter der Bedingung "Rollenerwartung". Dies deutet darauf hin, dass bei der Bedingung "Rollenverhalten" Normierungen wirksam werden, die die Rechtfertigung anhand bestimmter ethischer Positionen vorschreiben und unter der Bedingung "Rollenerwartung" schwächer sind. Unter der Bedingung "Rollenverhalten" wird kontext- und rollenabhängiger geurteilt als unter der Bedingung "Rollenerwartungen", was auf größere Einflüsse durch Stereotypisierung hinweist. Bei der individuellen Rechtfertigung lassen sich nur unter der Bedingung "Rollenerwartungen" signifikante Einflüsse der sozialen Rolle auf die individuelle Entscheidung feststellen, was auf einen geringeren Einfluss von sozialen Normierungen zurückgeführt werden kann, weil die individuellen Interpretationsspielräume größer sind. Die Häufigkeitsverteilungen von Zustimmung und Ablehnung zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Bedingungen.
This study tries to analyze if persons expect individuals with different social roles to take different decisions and give different kinds of judgement or justification concerning ethical problems. Subjects (N=551) were asked to think about the situation of individuals who bear certain social roles and to imagine the kind of argumentation these individuals would probably give. Subjects were confronted with one of the following two scenarios: In the first case they were asked to judge about how a specific role keeper (e.g. consultant, politician, lawyer) would act in a situation of economic conflict (Should the production be transferred abroad and thus jobs being cut?). In the other case they were asked to imagine how an individual bearing a certain role (e.g. affected person, physician, social scientist) would proceed in a situation of medical conflict (Should genes be manipulated to prevent heredity diseases from breaking out?). At first, subjects had to take a concrete decision. Afterwards, the decision had to be justified by weighing the importance of four classical ethical positions: hedonism, utilitarianism, deontology, and intuitionism. The results show that the weighing of the four ethical positions varies with the context (economic versus medical context). In the economic context mainly utilitarianism and deontology are used for justifying the decision. In the medical context mostly hedonism and utilitarianism are used. Numerous differences between social roles can be found in both contexts and concerning all ethical positions. A significant interaction between ethical position and social role can be discovered. Concerning the individual justification, utilitarianism and deontology as well as the individual interpretation of the social role significantly influence the individual decision. Dependent on social roles, individual variance can predict decisions, although only under conditions with less social normalization. Comparing the conditions "role expectations' (present study) and "role behavior' (study I) several differences can be found. In the condition "role behavior' variance can be explained to a greater extent by using effects of the ethic scales than in the condition "role expectations' regarding the weighing of the ethical positions. This gives a hint that social norms prescribe the use of special ethical justification to a greater extent with reference to one's own behavior than concerning other person's behavior. In the condition "role behavior' subjects argue more dependently on context and role, suggesting that in this condition, processes of social stereotyping are more important than in the condition "role expectations'. Regarding the individual justifications only in the condition "role expectations' significant influences of social role on the individual decision can be found, leading to the conclusion that here social normalizations seem to have a less important impact. The frequency distributions of consent and refusal differ between the conditions.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/556
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