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Titel: Zur Kategorienlehre der Psychologie. Komplementaritätsprinzip. Perspektiven und Perspektiven-Wechsel
Sonstige Titel: On Category Systems in Psychology. Complementarity Principle. Perspectivism and Perspective-taking
Autor(en): Fahrenberg, Jochen
Erscheinungsdatum: 2013
Zusammenfassung: Jede eigenständige wissenschaftliche Disziplin entwickelt ihre inhaltlichen Fachbegriffe und Methoden. Die systematische Verbindung der vielen Einzelheiten erfordert geeignte Relationsbegriffe. Im Unterschied zu den allgemeingültigen, fundamentalen Kategorien wie Raum und Zeit handelt es sich um spezielle, regionale Kategorien. Solche Relationsbegriffe bilden zugleich Erkenntnisprinzipien, beispielsweise das Kontextprinzip und das Emergenzprinzip. Meta-Relationen wie Komplementarität oder Perspektivität verknüpfen heterogene Beschreibungsweisen bzw. grundverschiedene Bezugsysteme. Gerade die Psychologie in ihrer Grenzstellung zwischen verschiedenen Disziplinen benötigt geeignete Relationsbegriffe und kritische Kategorialanalysen. Viele Kontroversen lassen sich in ihrem Kern auf die Frage nach adäquaten Kategorien und auf Kategorienfehler zurückführen. Einleitend wird eine Übersicht über die neuere philosophische Kategorienlehre mit Bezug auf die Psychologie gegeben. Neben der Position Whiteheads sowie den Ansätzen von Ryle und Davidson wird vor allem die grundlegende Kategorienlehre von Hartmann referiert (Kapitel 2). Die spezielle Kategorienlehre der Psychologie beginnt mit Herbarts Schritt von Kants apriorischer zu einer empirisch-psychologisch begründeten Kategorienlehre. Wundts herausragende Kategorienlehre der Psychologie mit den entsprechenden Erkenntnisprinzipien und methodologischen Konsequenzen wird eingehend dargestellt. Eine Literaturübersicht zeigt außerdem, dass bei einer Reihe bekannter Psychologen Ansätze zu einer psychologischen Kategorienlehre zu finden sind, jedoch keine systematische Ausführung im Anschluss an Wundts Vorbild (Kapitel 3). Im Unterschied zur Psychologie gibt es in der Biologie und Physiologie ein größeres und kontinuierliches Interesse an einer kategorialanalytisch begründeten Theorie des Organismus (Kapitel 4). Als allgemeine Relationsbegriffe werden Kontext, Kontrast, Emergenz, Reduktion, Wechselwirkung (Interaktion), Selbstorganisation und Selbstentwicklung dargestellt. Diese Relationsbegriffe ragen auch deshalb hervor, weil sie direkte Konsequenzen für die Forschungsstrategien und für die Methodenlehre haben. Am deutlichsten hat Wundt diese Prinzipien der psychischen Verbindungen als Erkenntnisprinzipien der empirischen Psychologie aufgestellt und durch Beispiele veranschaulicht (Kapitel 5). Der von Bohr in die Quantenmechanik eingeführte Komplementaritätsbegriff wurde in fragwürdiger Weise von ihm und zahlreichen Nachfolgern auf alle möglichen Widersprüche und Dualismen übertragen. Der logisch-methodische Status dieses Konzepts ist jedoch häufig nur unzureichend präzisiert. Von philosophischer Seite wurde das Konzept sprachanalytisch-phänomenologisch zu einer fundamentalen anthropologischen Komplementarität (Hans-Ulrich Hoche) zugespitzt und von entwicklungspsychologischer Seite (Helmut Reich) als kontextuelles und relationales Denken verstanden (Kapitel 6). In einem ergänzenden Kapitel werden die Passung und die Heuristik der Konzepte Komplementarität und Perspektivität (zwei koordinierte Perspektiven) an ausgewählten Beispielen der Psychologie und der psychologischen Anthropologie methodologisch untersucht und diskutiert: Subjekt-Objekt-Problem (Erste-Person- und Dritte-Person-Perspektive), Bewusstsein-Gehirn-Problem, Willensfreiheit und Determinismus, Interpretatives Paradigma und experimentell-metrisches Paradigma (einschließlich der Kontroversen über den idiographischen oder nomothetischen Ansatz sowie über qualitative und quantitative Methoden). Während der Komplementaritätsbegriff nur selten adäquat zu sein scheint, hat die Auffassung von zwei koordinierten Perspektiven eine breitere Geltung (Kapitel 7). Im Hinblick auf Forschungsstrategien werden diskutiert: die Operationalisierung theoretischer Begriffe und Operationalisierungsfehler, die multi-referentiellen Konstrukte und multi-modalen Strategien sowie die Adäquatheit von Beschreibungen (Kapitel 8). Viele Gebiete der psychologischen Forschung und Berufspraxis erfordern koordinierte Perspektiven bzw. einander ergänzende, kategorial grundverschiedene Bezugssysteme. Es kommt auf die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Perspektiven-Wechsel an, und diese Einsicht sollte auch Konsequenzen für die fachliche Ausbildung haben.
Research fields develop their appropriate terminology, that is, special concepts and technical terms, and, also, basic epistemic concepts (categories) are necessary. Philosophical category systems are concerned with fundamental categories like space, time and causality, and rarely with regional categories, specific to certain fields and disciplines. Psychology, in particular, requires adequate categories and consideration of category mistakes because psychology is situated in a border-zone between Geisteswissenschaften, Social Sciences, Biology and Medicine. Philosophical texts on category systems pertaining to the field of psychology are reviewed, especially Nicolai Hartmann's fundamental work. In psychology, Wilhelm Wundt was the first author to develop an epistemology which contains a discussion of specific categories. There are some contributions from a number of well-known psychologists, but less systematic and hardly referring to methodological implications. Such reflection on categories and category mistakes is not prominent in present-day psychology, however, there is a continuing discussion in biology. The present discussion includes six basic relational concepts: Context, Contrast, Emergence, Reduction, Interaction, Self-organization und Self-Development. Such concepts are closely related to research strategies and methodology, as pointed out by Wundt in his categorical analyses and delineation of "Erkenntnisprinzipien". Furthermore, two meta-relations are discussed: Perspectivism (coordinated perspectives) and Complementarity. The heuristic use and adequacy of both meta-relations are evaluated referring to well-known controversies: consciousness-brain, first-person- versus third-person-perspective, free will versus determinism, interpretative paradigm versus experimental (and measurement) paradigm (including idiographic versus nomothetic approach, qualitative versus quantitative methods). The last chapter seeks to illustrate some of the issues and provides some comments on research strategies and aspects of adequacy in definition of multi-referential theoretical constructs and in multi-modal assessment. Many fields in psychology, basic and applied, require coordinated perspectives (or categorically different frames of reference). The ability and the readiness to take - seemingly incompatible - perspectives appear to be essential and the empirical evidence suggests a specific professional training.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/671
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