Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/946
Titel: Zeitökonomie in der Qualitativen Sozialforschung - Möglichkeiten und Grenzen.
Sonstige Titel: Economic Use of Time in Qualitative Social Research - Potential and Limitations.
Autoren: Miklautz, Michaela
Mayring, Philipp
Jenull-Schiefer, Brigitte
Erscheinungsdatum: 2005
Serie/Report Nr.: Beiträge zur Qualitativen Inhaltsanalyse des Instituts für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt;8
Zusammenfassung: Hohe Fallzahlen gelten in der empirischen Sozialforschung nach wie vor als Garant allgemeingültiger Aussagen. Im Hinblick auf zeitökonomische Überlegungen erfolgt die Datenerhebung bei umfangreichen Stichproben vorwiegend mittels quantitativer Erhebungsinstrumente, die eine ebensolche Datenaufbereitung und —auswertung nach sich ziehen. Dem Einsatz qualitativer Erhebungs- und Auswertungsverfahren kommt in diesem Zusammenhang nur ein geringer Stellenwert zu. Die Einzelfallbezogenheit der qualitativen Sozialforschung sowie ein erheblicher Zeitaufwand und -intensität sind Argumente, die gegen den Einsatz qualitativer Methoden angeführt werden. Die Vorteile eines offenen Zugangs zum Forschungsgegenstand und die soziale Interaktion zwischen ForscherIn und Beforschten kommen bei dieser Argumentationsweise zu kurz. Für einen Forschungsbereich wie dem der Gerontopsychologie stellt sich die berechtigte Frage nach der geeigneten Forschungsmethodik, um von beeinträchtigten alten Menschen verwertbare Informationen zu erzielen. Wahl und Richter (1994) betonen, dass der Einsatz quantitativer Messinstrumente den alten Menschen inhaltlich und skalentechnisch überfordern können. Aus diesem Grund ist ein alternatives methodisches Vorgehen, wie es u. a. von Rowles und Reinharz (1988) oder Gubrium und Sankar (1994) propagiert wird, unerlässlich für eine gegenstandsangemessene Forschung. Eine Kombination bzw. Integration von qualitativen und quantitativen Forschungselementen wird erst ansatzweise diskutiert (Mayring & Jenull-Schiefer, 2005). Ziel der Studie "Aktivitäten in Senioren- und Pflegeheimen" (Miklautz, 2004) war es, über einen qualitativen Zugang Aktivitätsmöglichkeiten und -gewohnheiten von institutionalisierten alten Menschen zu erheben. Der vorliegende Beitrag widmet sich jedoch weniger den inhaltlichen Ergebnissen der Studie, sondern reflektiert den Einsatz qualitativ orientierter Forschungsstrategien, die unter der Perspektive der Gegenstandsangemessenheit sowie der Zeitökonomie zum Einsatz gekommen sind. Deshalb wurde bei der Auswahl von Verfahren darauf geachtet, dass diese den jeweiligen Kompetenzen der alten Menschen begegnen konnten sowie eine Auswertung analog den Richtlinien der qualitativen Inhaltsanalyse erlaubten. Darüber hinaus war für die Studie interessant, inwieweit sich qualitative Sozialforschung zeitökonomisch betreiben lässt. In Anbetracht der Überlegungen schienen ? das problemzentrierte (fokussierte) Interview (Mayring, 2002) für stark beeinträchtigte PflegeheimbewohnerInnen ? die Gruppendiskussion (Fokusgruppe) (Morgan, 1998) sowohl für Pflege- als auch für SeniorenheimbewohnerInnen und ? der offene Fragebogen (Foddy, 1995) für rüstige SeniorenheimbewohnerInnen als geeignet. Die vorliegenden Daten von 131 BewohnerInnen aus zwei Senioren- und drei Pflegeheimen in Kärnten (Österreich) belegen deutlich, dass sich der qualitative Forschungszugang in der Datenerhebung grundsätzlich bewährt hat. Alle drei Verfahren fanden bei den HeimbewohnerInnen ihre Anwendung. Bemerkenswert an den Ergebnissen ist, dass es den alten Menschen bei der Datenerhebung nicht auf ein ihren Fähigkeiten entsprechendes Verfahren ankommt, sondern die soziale Interaktion mit der Forscherin und die narrative Selbstpräsentation (Kelle & Niggemann, 2002) wichtiger sind, als ein auf ihre Kompetenzen abgestimmtes Erhebungsverfahren. In der praktischen Durchführung zeigte sich, dass mehr als drei Viertel der Befragten das problemzentrierte Interview im Einzelsetting bevorzugten. Verbunden damit war eine veränderte, an die Situation angepasste Vorgehensweise seitens der Forscherin und die Inkaufnahme zeitlichen Mehraufwandes, um das Forschungsprojekt nicht zu gefährden. Dieses Sich-Einlassen und Eingehen auf die Bedürfnisse der zu Befragenden gilt als zentrales Merkmal der qualitativen Sozialforschung. Die Erfahrungen in der Praxis zeigen aber auch, dass sich qualitative Sozialforschung im gerontologischen Sektor nicht zeitökonomisch betreiben lässt, will man von alten Menschen gehaltvolle Informationen erzielen. Eine detaillierte Gegenüberstellung der aufgewändeten Zeit für Datenerhebung, Transkription, Kategorisierung und Interpretation sowie eine generelle Beurteilung der Vor- und Nachteile bzw. das Aufzeigen der Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Verfahren belegen, dass sich qualitative Sozialforschung durchaus an einer größeren Stichprobe (n=131) durchführen lässt, womit das Vorurteil der Einzelfallbezogenheit entkräftet werden konnte. Abschließend darf betont werden, dass auch gesundheitlich stark beeinträchtigte alte Menschen in der Lage sind, Auskunft über ihre eigene Situation zu geben und damit einen wertvollen Beitrag zur gerontologischen Forschung aus der Innenperspektive leisten. [Siehe Originalbeitrag: Miklautz, M.; Mayring, P. & Jenull-Schiefer, B. (2005). Datenerhebung bei hochaltrigen institutionalisierten Menschen. Zeitschrift für Gerontopsychologie & Gerontopsychiatrie, 18 (2), 81-95.]
URI: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:291-psydok-5641
http://hdl.handle.net/20.500.11780/946
Enthalten in den Sammlungen:Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt: Beiträge zur Qualitativen Inhaltsanalyse
PsyDok

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