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Titel: Triebstruktur oder soziale Beziehungen : Anmerkungen zur Kulturismusdebatte
Autor(en): Bierhoff, Burkhard
Erscheinungsdatum: 1991
Zusammenfassung: Der sogenannte Kulturismus-Revisionismus-Streit bezeichnet eine Kontroverse, die zwischen Erich Fromm und Herbert Marcuse Mitte der 50er Jahre in der Zeitschrift Dissent (Jg. 1955/1956) ausgetragen wurde. Gegenstand dieser Kontroverse war die Revision der Psychoanalyse, wie Fromm sie bereits vor seinem Ausscheiden aus dem Kreis um Horkheimer zu formulieren begonnen hatte. Die Kontroverse lässt sich als ein wichtiges psychoanalytisches und soziologisches Dokument bewerten, das über die Grenzen der Kritischen Theorie hinaus Relevanz beanspruchen kann. Seinen Ausgangspunkt findet der Streit in den frühen Arbeiten Fromms zur Sozialpsychologie, in denen bereits ein revidierter psychoanalytischer Standpunkt sichtbar wurde (E. Fromm, 1932a, GA I; 1935a, GA I; 1941a, GA I, S. 379- 392). Neben den eigentlichen Beiträgen zum Streit (H. Marcuse, 1955, 1956; E. Fromm, 1955b, GA VIII; E. Fromm, 1956b, GA VIII) sind weitere thematisch bedeutsame Dokumente mit Horkheimers und Adornos Beiträgen gegeben (M. Horkheimer, 1950; T. W. Adorno, 1972a, b, c; M. Horkheimer, T. W. Adorno, 1957), den Arbeiten von Jacoby (R. Jacoby, 1978) und Görlich u. a. (B. Görlich, A. Lorenzer, A. Schmidt, 1980) sowie zwei neueren Aufsätzen von John Rickert (J. Rickert, 1986) und Bernard Görlich (B. Görlich, 1988). Des weiteren existieren zwei nachgelassene Manuskripte Fromms aus den Jahren 1968/69, in denen er sich ausführlich mit der Position Marcuses auseinandersetzt. Diese sind mit anderen psychoanalytischen Schriften Fromms zu einem Band vereint, der posthum erschienen ist (E. Fromm, 1990). Was die Kritische Theorie betrifft, so ist die Auseinandersetzung zwischen Fromm und Marcuse eine späte Folge des institutsinternen Streits um die Bedeutung und Aufgabe der Psychoanalyse in einer Kritischen Theorie der Gesellschaft. Ende der 30er Jahre gab es einen bislang noch wenig beachteten "Bruch" in den theoretischen Bemühungen des Instituts für Sozialforschung, der personell an dem Ausscheiden Fromms und dem vollen Eintritt Adornos in den Mitarbeiterkreis Horkheimers festgemacht werden kann. Streitpunkt war das Verständnis der Psychoanalyse als kritische Sozialwissenschaft. Der Streit, der Mitte der 50er Jahre zwischen Herbert Marcuse und Erich Fromm ausgetragen wurde, reicht so in seinen Wurzeln bis auf die frühen 30er Jahre zurück, als Fromm im Institut für Sozialforschung arbeitete. Zur damaligen Zeit vertrat Fromm eine psychoanalytische Konzeption, die auch von Horkheimer unterstützt und geteilt wurde. Offenbar hatte Horkheimer eine Instituts- und Besetzungspolitik vertreten, die darauf abzielte, über die volle Mitgliedschaft und Mitarbeit Fromms das Programm des Instituts für Sozialforschung (vgl. M. Horkheimer, 1931) nicht zuletzt auch auf der Grundlage einer Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse zu realisieren. Bis etwa 1936 hatte Horkheimer im wesentlichen Fromms psychoanalytische Position geteilt (vgl. M. Horkheimer, 1936, S. 224 ff.), wenn er etwa das Freudsche Konzept eines eigenständigen Todestriebes mit der historisierten Sichtweise der menschlichen Antriebe verwarf: "Der ewige Destruktionstrieb soll, wie der Teufel im Mittelalter, an allem Bösen schuld sein..." (ebd., S. 226). Mitte der 30er Jahre begann Fromm den Ansatz Freuds zu revidieren, insbesondere was das zugrundeliegende psychoanalytische Konzept (Triebstruktur, Libido, Todestrieb, Ödipuskomplex) anbelangt, und geriet damit zunehmend in Opposition zu den anderen Mitgliedern des Instituts. Die Unstimmigkeiten zwischen Horkheimer und Fromm führten, unter dem Einfluss Adornos, schließlich dazu, dass sich die Wege von Fromm und den anderen Institutsmitgliedern trennten.
After his departure from the Institute, Erich Fromm pursued with renewed intensity his sociological revision of psychoanalysis that was to touch off the debate with Herbert Marcuse, his earlier colleague at the Institute, and which came to be known as the culturalism-revisionism controversy. The charge leveled at Fromm was that he had moved away from recognizing the drive structure as the key bearer of the resistance potential in the Critical Theory and had instead thrown the central focus onto social relationships, where it is the Ego as the mediating factor - rather than the Id - that is geared to alienated reality. But while it is true enough that Fromm did shift the emphasis away from the drive structure to social relationships, it should be added that he grouped these social relationships very much under the rubric of "the pathology of normality" and criticized them as bearing the stamp of the underlying economic order. This contribution examines the background to the controversy between Herbert Marcuse and Erich Fromm, and sets out the principal arguments advanced by the contending parties. What emerges, interestingly enough, is that both protagonists never diverged as much in their respective positions as the noisy exchange of blows perhaps suggested. There is little to distinguish both camps in their common humanistic concern for the advancement of human happiness. Undoubtedly Marcuse and Fromm are at one in advancing a radical social critique: but whereas the one critique is premised on the need to inculcate a drive structure capable of withstanding the forces of repressive socialization, the other seeks its inspiration in a critical anthropology that keeps alive the idea of a more humane society - even in the face of the negation of this idea.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/980
Enthalten in den Sammlungen:Schriften der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft e.V.
PsyDok

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