Bitte benutzen Sie diese Kennung, um auf die Ressource zu verweisen: http://hdl.handle.net/20.500.11780/995
Titel: Die Fromm-Marcuse-Debatte im Rückblick
Autor(en): Rickert, John
Erscheinungsdatum: 1991
Zusammenfassung: Erich Fromm wurde lange Zeit als außerhalb des Trends liegend ignoriert. Obwohl er sein Leben lang die kapitalistische Gesellschaft kritisierte und der Hauptgewährsmann der Frankfurter Schule für die Integration von Marx und Freud war, befassten sich nur wenige Studien über den westlichen Marxismus detailliert mit seinem Werk (vgl. M. Jay, 1981, W. Bonß, 1980, R. Eyermann, 1981). Artikel über seine Schriften erschienen kaum in den führenden Zeitschriften der Linken, und anlässlich seines Todes im Jahre 1980 wurden, soweit mir bekannt, von seinen Schülern hierzulande nur wenige Versuche unternommen, zu untersuchen, worin sein Vermächtnis bestehen könnte (vgl. Maccoby, 1982, Willmott, Knights, 1982). Die Vernachlässigung von Fromms Beitrag geht teilweise auf die Interpretation seiner Schriften durch frühere Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, in erster Linie Herbert Marcuse, zurück (vgl. M. Jay, 1981, S. 129ff.). In seiner bekannten "Kritik des Neo-Freudianischen Revisionismus' (H. Marcuse, 1969, S. 234ff.) argumentierte Marcuse, Fromms spätere Psychologie sei im Gegensatz zu seinen frühen, wirklich radikalen Schriften im Kern durch und durch konformistisch. Marcuse schreibt, Fromm, H.S. Sullivan und Karen Horney hätten infolge der Ablehnung von Freuds Libidotheorie und einiger anderer Teile seiner Metapsychologie die Psychoanalyse ihrer kritischsten Konzepte beraubt; sie hätten sie einer "begrifflichen Grundlage außerhalb des herrschenden Systems' (H. Marcuse, 1969, S. 12) entkleidet und stattdessen eine idealistische Ethik geboten, die Anpassung an den Status quo predige. Seit der Renaissance der Kritischen Theorie in der 60er Jahren ist Marcuses Essay für die Einschätzung von Fromms Werk durch die Linken tonangebend gewesen. Ziel des vorliegenden Artikels ist es, diese Interpretation anzuzweifeln, denn sie verzerrt ganz fundamental sowohl den allgemeinen Tenor wie den spezifischen Gehalt Frommschen Denkens. Speziell werde ich im Gegensatz zu Marcuse und anderen die Behauptung vertreten, dass Fromms Ablehnung der Libidotheorie, obwohl sie eine wichtige Veränderung in seinem Denken anzeigt, nicht als Beleg für seine Wandlung von einem radikalen zu einem konformistischen Denker genommen werden kann. Im Gegenteil, von den frühen 30er Jahren bis zu seinem Tode hat Fromm eine konsequent kritische Sozialpsychologie entwickelt, deren zentrale Ziele auch nach der Preisgabe der Libidotheorie unverändert geblieben sind.
After his polemic with Herbert Marcuse in the fifties, Erich Fromm came to be regarded by the intellectuals of the "New Left' as an essentially conformist thinker, although it was indeed Fromm who was initially responsible for drawing attention in the US to the early writings of Marx and who, together with C.W. Mills, was long the best known critic of capitalist society in that country. The fact that Fromms work was falsely assessed for a long time was in no small sense due to the massive attacks Marcuse launched against his former colleague from the Institut für Sozialforschung, whom he charged with undermining the critical potential of psychoanalysis in favor of an ideologically glossed over menschenbild in the service of conformist values. Marcuse's critique, however, is untenable since he wildly overestimates the importance of the libido theory; moreover, Marcuse fails to see that Fromms social psychology consistently (i.e. even after his turning away from orthodox psychoanalysis) aims at a critique of the prevailing social character and that his ethical commitment to a "productive' life is no easy bedfellow of capitalist productivity increases. In no less measure, the charge of "sociologism' leveled by Adorno and R. Jacoby - by which is meant a harmonization between personality structure and society - is far wide of the mark, since it overlooks Fromms postulate of the need for disobedience and creative non-adaptedness in the face of the omnivorous tendencies of society. From todays critical perspective on the debate waged at that time, it clearly emerges that Erich Fromm has been unjustly consigned to oblivion as protagonist of the "left'.
URI: http://hdl.handle.net/20.500.11780/995
Enthalten in den Sammlungen:Schriften der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft e.V.
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